Bergmann.

Wir gehen aufeinander zu. Er scheint erschöpft zu sein. Sieht müde aus. Er schenkt mir sein Lächeln. Spricht zu mir, doch ich kann ihn nicht verstehen.  Als  sei  es  eine  andere  Sprache. Der Himmel ist grau, beinahe trostlos. Die Kälte kriecht unter meine Kleidung. Er hat eine Taschenlampe bei sich. Wir setzen uns in Bewegung. Laufen die Straße hoch. Ich laufe mit ihm, auch wenn ich nicht weiß wohin es gehen soll. Habe keine Ahnung was unser Ziel ist. Wir laufen eine ganze Weile bis wir angekommen sind. Ich sehe eine Holztür mit massiven Eisenbeschlägen. Sonst nichts. Nur diese Tür. Sie bildet den Eingang in eine Art Hügel. Dickes, saftiges Gras wohin ich auch schaue. Er öffnet die Tür. Schlechte Luft schlägt uns entgegen. Es ist dunkel und feucht. Wir gehen hinein. Er verschließt die Tür hinter uns. Mit seiner Taschenlampe leuchtet er uns den Weg. Ein schmaler Gang, dessen Wände über und über mit Ruß bedeckt sind. Dicker, klebriger Ruß. Aus der Anfangs schlechten Luft wurde Gestank. Traue mich kaum Luft zu holen. Der Gang führt in diesen Hügel immer tiefer hinein. Es ist als ob dieser Hügel lebt. Ich kann ein Pochen hören, fast wie ein Herzschlag.  Puls,  ich  kann  seinen  Puls  spüren. Ich sehe ein Licht. Einen Schimmer am Ende des Ganges. Wir gehen weiter. Keiner von uns beiden sagt ein Wort. Nur dieses Pochen und unsere Schritte sind zu hören. Die Luft wird wärmer. Sie schlägt uns entgegen und scheint ihren Ursprung in diesem Licht zu haben. Wir kommen näher. Der Gang wird immer enger. Ich möchte am liebsten umkehren. Sehe ihn an. Er ist entschlossen. Er macht eine Handbewegung. Wir gehen weiter. Es scheint ihm sehr wichtig zu sein. Nach wenigen Minuten haben wir das Ende des Ganges erreicht. Wir betreten einen kleinen Raum. Fackeln sind die Quelle des Lichts. Überall Ruß. Es ist warm und stickig. Fast schon unerträglich. Am Ende des Raumes klafft ein tiefes Loch im Boden. Die ersten Sprossen einer Leiter sind zu erkennen. Sie ist aus Bambus gemacht und Lederriemen halten sie zusammen. >>Hier müssen wir runter.<< Als er das zu mir sagt macht er eine kurze Handbewegung die mir bedeuten soll mit ihm zu gehen. Ich bin völlig überfordert von dieser Situation. >>Wo sind wir hier? Was ist das? Wo gehen wir hin?<< Nur noch Fragen in meinem Kopf die nur so aus mir heraus platzen. Flüsternd gibt er mir eine Antwort, die mich noch mehr durcheinander bringt. Eine Antwort, die noch mehr Fragen aufwirft.

>>Wir sind wegen dir hier. Das bist du. Hab keine Angst. Ich bin bei dir.<<

Er sieht zu dieser Leiter. Zögernd gehe ich mit ihm dort hin. Er neigt seinen Kopf zu mir herüber und sieht die Verwirrung in meinen Augen. Seine Stimme ist sanft und lebendig, scheint mich zu beruhigen. >>Einen Fuß nach dem anderen. Sei bitte vorsichtig.<< Wir steigen hinab. Stück für Stück nach unten. Die Sprossen sind nass und rutschig. Überall Ruß. Meine Hände befreien die Leiter vom Schmutz. Das Pochen wird immer lauter. Vereint sich mit meinem Puls. Meine Hände und Knie beginnen zu zittern. Ich sehe nach unten, an Carsten vorbei. Flackernde Lichter überall an den Wänden. Ich kann das Ende der Leiter nicht erkennen, kann keinen Boden sehen. >>Wie lange noch?<< Geduld gehört wohl nicht mehr zu den Eigenschaften die ich mein Eigen nennen kann. >>Nicht mehr lang, halte durch.<< Der Schweiß läuft in meine Augen. Die Hitze ist beinahe unerträglich. Jede Faser meines Körpers ist angespannt. Ich konzentriere mich auf die Sprossen und steige weiter  hinab. Immer tiefer.  Schritt  für  Schritt.  Konzentriere  dich.  Nur  nicht  daneben  treten.  Du  darfst  nicht  abrutschen. Ein Geräusch. Wie von einem Sprung. Mein Blick geht nach unten. Carsten ist nicht mehr zu sehen. Panik steigt in mir auf. Dann eine Stimme. Seine Stimme. >>Du hast es fast geschafft. Noch ein paar Sprossen.<< Ein Licht. Carstens Taschenlampe leuchtet mir entgegen. Ich sehe den Boden. Lehm. Die letzte Sprosse, dann bin ich endlich unten angekommen. Ich schaue ihn an. Die Verwirrung ist einer Ahnungslosigkeit gewichen. >>Ich verstehe das alles nicht. Was machen wir hier? Was ist das hier überhaupt?<< Dieser große und kräftige Mann steht am Fuß der Leiter und sieht zu mir herauf. Diese ganze Situation versetzt mich wieder in mein achtjähriges Ich zurück. >>Das hier ist dein Labyrinth. Dein Werk.<< Ich begreife immer noch nicht. Bambusleitern wohin ich auch sehe. In allen Richtungen. >>Wir müssen weiter.<< >>Wohin müssen wir?<< Der Wunsch nach einem Hauch von Ahnung was hier vor sich geht raubt mir fast den Verstand. >>Wir sind erst am Anfang. Müssen weiter.<< Er zeigt auf eine der vielen Leitern. Neugier und Angst bilden eine explosive Mischung. Ich atme die heiße und stickige Luft. Es riecht nach Dreck und Ruß. Die Feuchtigkeit durchdringt die Kleidung, alles klebt an meinem Leib. >>Vertrau mir. Bitte.<< Aus seinem Munde klang dieses „Vertrau mir“ nach einem Appell an mein Herz. Ich folge ihm. Wir gehen in die äußerste Ecke dieser Kammer. Die Decke hängt erdrückend tief und droht jeden Moment auf uns herab zu fallen. Fackeln flackern im Luftzug. Carsten bleibt stehen und dreht sich nochmal zu mir um. >>Ich bin bei dir. Zusammen schaffen wir das!<< Ein fremder Mann sagt die Worte zu mir die ich von Alexander hätte hören sollen. Dieser Mann bringt mir mehr Gefühl entgegen als der Mann der mich angeblich liebt. Gedanken. Nichts als Gedanken in meinem Kopf. Sie schlagen Wurzeln und treiben neu aus. Dann, plötzlich rutschte mein linker Fuß von einer der Sprossen. Der Schreck schoss mir durch den ganzen Körper. Ich war wieder wach. Du musst aufpassen. Bleib bei der Sache. Hier spielt die Musik. >>Ist alles in Ordnung?<< hörte ich Carsten zu mir nach oben rufen. >>Ja, ich bin nur abgerutscht. Nichts passiert.<< Und wieder steigen wir eine Leiter hinab. Tief in einen engen Schacht hinein. Immer tiefer. Eine nicht endend wollende Leiter. Die Feuchtigkeit auf den Sprossen weicht die Haut auf, sie löst sich langsam. Sprosse um Sprosse. Der Ruß an den Wänden des Schachts schluckt das Licht das von den Flammen der Fackeln ausgeht. Eine düstere Atmosphäre. Jeder Schritt lässt die Leiter erzittern. Minuten vergehen. Viele  Minuten. Ich zwinge mich dazu, nur auf meine Hände zu sehen.  Bloß  nicht  nach  unten  sehen. Es ist beinahe so, als würde diese Leiter im Nichts stehen. Ohne Anfang und ohne Ende. Es geht immer  tiefer hinab. Die Sprossen zähle ich schon nicht mehr. Zu sehr muss ich mich darauf konzentrieren, einen Fuß nach dem anderen zu platzieren und nicht daneben zu treten. Habe Angst abzurutschen. Wasser und Ruß verbinden sich und bilden einen schmierigen Film, die Gefahr ist groß den Tritt zu verlieren. Schritt für Schritt. Ich muss nur ruhig bleiben, dann schaffe ich das auch. Dann höre ich seine Stimme. >>Gleich geschafft. Nur noch ein kleines Stück.<< Keine Reaktion von mir auf seinen Kommentar. Zu sehr war ich mit mir selbst beschäftigt. Meine Knie werden weich. Habe Angst ins Leere zu treten. Das Licht wird stärker. Langsam kann ich die Dimensionen des Schachts erkennen. Wohin ich auch blicke, überall dicke Steinquader, rau und mit Ruß überzogen. Ich neige meinen Kopf nach unten. Will nur noch wissen, wie weit die Leiter noch nach unten reicht. Carsten sieht mir entgegen. Er hält die Leiter fest und wischt sich mit einer Hand den Ruß aus seinem Gesicht. Nicht  mehr  weit.  Zehn  Sprossen  vielleicht. Durchhalten!  Versuche  durchzuhalten! Dann habe ich es geschafft. Unten. Ich habe endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Ich blicke in Carstens Gesicht. Rot vor Anstrengung. Schweißperlen zeichnen ihre Spuren auf seiner vom Ruß geschwärzten Stirn. Erschöpfung macht sich in mir breit. Ich muss mich setzen. Schnappe nach Luft. Ein paar Minuten brauche ich, um zu realisieren, wo ich bin. Wir befinden uns in einer großen Halle, ganz aus Stein. Die Wände sind feucht. Das Geräusch fallender Tropfen schallt durch diesen Ort. Ein Ende dieser Halle ist nicht zu erkennen. Und auch hier gibt es Leitern, sie lehnen an den Wänden und ragen in die Höhe. Rußgeschwärzt.

[…]

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