Die richtigen Worte zu finden,

ist nicht immer leicht. In Zeiten wie diesen fällt es mir besonders schwer sie erstens zu formen und sie zweitens darüber hinaus auch noch zu artikulieren. Oftmals liegen sie einem scheinbar auf der Zunge, doch sie finden einfach keinen Weg hinaus, kommen einem partout nicht über die Lippen. Ich weiß auch nicht ob es die richtigen Worte überhaupt gibt. Sollte ich eines Tages eine Antwort auf diese Frage finden, so wird sich für mich erst herausstellen müssen, ob diese Erkenntnis auch für mich gelten wird. Wird der Tag kommen, an dem ich mich jemandem anvertrauen kann? Werde ich mich irgendwann von allem befreien können? Quälende Fragen seit Monaten, seit Jahren. In meinem Kopf tut sich so viel. Meine Gedanken fahren auf und ab, vermischen sich und sind selten so klar, dass ich in der Lage bin, sie zu sortieren und sie festzuhalten. Mein Kopf ist an so vielen Orten. Im Rahmen einer Therapie kommen meist ja nur die Dinge zur Sprache, die einen belasten und einem das Leben schwer machen. Oder diejenigen, die einen verfolgen und nicht mehr loslassen. Seit knapp einem Jahr bin ich nun in Therapie und versuche den Zugang zu mir selbst wiederzufinden. Ich sehe mich der schwersten Prüfung meines bisherigen Lebens ausgesetzt. Zu meiner täglichen Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner Vergangenheit kommen die wöchentlichen Gespräche mit meinem Therapeuten. Diesen Termin legen wir, mein Therapeut und ich, bis auf wenige Ausnahmen seit jeher auf einen Freitag. Mein schwarzer Freitag. Dieser Tag steht ganz im Zeichen meiner Vergangenheit. In meinen Gedanken schon ganz in der kommenden Sitzung stehe ich auf und mit den Erlebnissen und Eindrücken des Tages schlafe ich spät nachts vor Erschöpfung wieder ein. Der schwarze Freitag verkürzt meine Woche. Sie hat nur sechs Tage Leben. Ich habe mich dafür entschieden einen Versuch zu starten, alles auf Papier zu bannen was mich zudem Menschen gemacht hat, der ich jetzt bin. Das ist meine Therapie, in der Hoffnung, endlich aufzuräumen. Das Erinnern selbst wird mir nicht schwer fallen, da die meisten Begebenheiten eh stets und ständig präsent sind. Darüber hinaus bin ich mir jedoch bewusst, dass die Auseinandersetzung mit ihnen viel Kraft kosten und auch weitere Fragen aufwerfen wird. So oder so ähnlich sollte sich eine Therapie abspielen, nur mit der Beschränkung darauf, dass ich keinen Gesprächspartner habe, sondern einen Monolog mit mir selbst führen werde. Wenn man so will, zeigt mir hier die Vergangenheit meine Wunden auf. Sie hält mir einen Spiegel vor um mir zu zeigen wer ich war und wer ich geworden bin. Eine bedrückende und zugleich heilsame Erfahrung. Erst war da nur ein Tagebuch, dem ich mich anvertraute. Doch schon bald wurde es zu einem Zeugnis der letzten Jahre. Ein Zeugnis meiner kleinen und großen Katastrophen. Zeugnis eines beinahe Untergangs. Ein Zeugnis, von dem ich mir Heilung versprach und immer noch verspreche. Mein Tagebuch wuchs und wuchs. Verpuppte sich. Schlüpfte und war zu einem Buch gewachsen. Ein auf Papier gebannter Monolog. Eine Reportage und ein Reisebericht zugleich. Das Ziel steht außer Frage. Der Kokon der mich umgibt muss aufgebrochen werden. Was tief in meinem Herzen begraben liegt und mir Nacht für Nacht Albträume beschert muss endlich ausgesprochen werden. Es wird immer gesagt man müsse in einen Wald oder auf einen Berg gehen, dahin wo man ganz mit sich allein ist, um alle Last und allen Kummer von der Seele zu schreien. Dieses Buch ist nun meine Metapher für meinen Kummerberg. Das Schreiben ist meine Art zu schreien. In diesem Moment bin ich allein. Doch ich will nicht dass meine Schreie ins Leere gehen. Diese Anstrengung darf nicht vergebens sein. Ich will das Schweigen brechen um das Kind zu befreien und um die Last von meinem Herzen zu nehmen. Dennoch bin ich darüber im Klaren, dass das Lüften meines Geheimnisses die Scham nicht besiegen wird. Dennoch bin ich bereit Licht ins Dunkel zu bringen, um meiner Familie Gewissheit darüber zu verschaffen, was mich zu Fall gebracht hat. Unter Umständen trägt mein Kummerberg insgeheim einen zweiten Namen. Wunschberg. Denn ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass das Kind eines Tages wieder zu lächeln beginnt und darüber hinaus zwischen mir und meiner Familie Klarheit herrscht. Dass sie um meine Narben wissen und ihnen nicht länger nur der Versuch bleibt meine Gedanken zu lesen. Vielmehr sind es nun Worte, die endlich bereit sind außen zu dringen um ihr Gehör zu finden. Auf das sich ein Dialog ergibt. Zwischen dieser Welt und mir. Ich hoffe darauf, dass dieser Dialog heilsam sein wird und dass er Frieden bringt. Das er mir und schlussendlich auch meiner Familie Frieden bringt. Es ist an der Zeit mein Marschgepäck abzulegen und meine Geschichte ans Licht zu bringen. Auf das der Wind die Schrecken meiner Vergangenheit mit sich fort trägt und die Saat des Bösen vom Boden meines Lebens fegt. Ich hoffe inständig, dass dieser Weg heilsam sein wird. Hoffe endlich Ruhe zu finden. Hoffe ihr zu entkommen. Es gibt für mich nur zwei Möglichkeiten mit meiner Vergangenheit umzugehen. Zum einen kann ich darauf setzen, sie irgendwann akzeptieren zu können, sie als gegeben hinzunehmen. Der andere Weg ist ihr etwas Besseres hinzuzufügen und ihr so zu entkommen. Ich bin gezwungen meine Geschichte fortzuschreiben. Kann nichts von alldem rückgängig machen. Darf es zudem auch nicht verleugnen. Was hinter mir liegt ist zu einem Teil von mir geworden. Neues wird hinzukommen und das Alte zum Guten wenden. Diese scheint die bessere der zwei Optionen zu sein die zur Wahl stehen.

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