Spielball der Gezeiten.

Ein knappes halbes Jahr habe ich mein ‚neues‘ Leben mehr oder weniger gut gelebt. Ein knappes halbes Jahr in dem ich dachte es schaffen zu können und die Hoffnung in mir aufkeimte, das Leben mit allem was es bietet und fordert ertragen zu können. Ein paar Monate, in denen ich glaubte meinem Frieden Stück für Stück näher gekommen zu sein. Es waren Monate des Wiederfindens. Eine Zeit, in der es mir möglich war, das Finden größer zu schreiben als das Suchen. Wie wohl es doch tat so tief atmen zu können und wie gut es doch tat einen neuen Mann kennenzulernen. Seine Leichtigkeit zu spüren und sein Wesen zu entdecken. Zu verstehen, wie dankbar ich sein sollte, mit ihm alles um mich herum anders wahrnehmen zu können. Wieder eine Ahnung davon zu bekommen, wie das Leben sein kann. Dankbar dafür, die andere Seite zu spüren. Einen neuen Himmel zu sehen. Und doch sind es nur diese sechs Monate, welche mich in Versuchung führten, das Leben neu zu buchstabieren. Die Zweifel feierten triumphale Rückkehr. Wer glaubt die Innere Welt hätte kein Gewicht der irrt. Innere und äußere Welt stehen in einer Art Symbiose zu einander und wir sind so etwas wie die Diplomaten und sind ständig genötigt zwischen beiden Welten zu vermitteln. Stehen ständig in Verhandlungen zwischen den Tiefen in uns und den Tiefen der offensichtlichen Welt. Und wenn diese Welt zerrüttet ist und dramatische Züge annimmt transferieren wir in unserer Rolle als Diplomaten eben diese Zerrüttung in unser Innerstes. Nun kommt es auf das Wesen jedes Diplomaten an. Verhandlungsgeschick und Sensibilität entscheiden über Bestehen oder Fall beider Welten.

Wie gern wäre ich mir sicher, dass er es ist, mit dem ich fahren kann bis der Tank leer ist. Nur allzu oft habe ich mir die Frage danach gestellt, wie sicher man sich sein kann und wie oft habe ich sie unbeantwortet zur Seite gelegt. Wie oft habe ich diese Frage weit von mir geschoben. Zu sehr tat mir der Gedanke weh, dass es keine Antwort geben würde. Und doch sollte ich Realist genug sein und der Wahrheit ins Auge blicken. Auch wenn es weh tut, es gibt keine Antwort ehe ich tatsächlich am Ziel angekommen bin. Sie zu finden wird mir erst dann gelingen, wenn die Suche nach ihr nicht mehr auf der Seele brennt. Dies zu verstehen hat lange Zeit gedauert und meine Sicht der Dinge stark beeinflusst. Somit wäre mein Suchen ohne Sinn solange das Verlangen des Findens meine Seelenwelt verkrampfen lässt.

Das Brennen wird stärker, soviel ist sicher. Doch eine Erkenntnis hilft nicht viel wenn man keinen Weg findet sie auch im eigenen Verstand einzubetten. Irrational zu handeln scheint die große Überschrift zu sein, die über den letzten Jahren prangt wie der Titel eines schlechten Buches. So kommt es, dass ich auf der Suche nach den Spuren dieser Antwort weiter durchs Leben haste. Erkenntnis hin, Erkenntnis her. Ich steuere immer noch rastlos und mitunter vollkommen konfus durch mein Leben. Kann den Beginn meiner Reise nicht mehr ausmachen und habe nicht den Hauch einer Ahnung davon, was mein Ziel sein wird. Die Metapher vom berühmten Blatt im Wind scheint mir nicht mehr sinnvoll. Bin wohl eher so etwas wie Treibholz auf hoher See. Von der langen Reise und allem was sie mit sich brachte geformt und verwittert. Die Spuren meiner Herkunft und die Spuren meines alten Ichs sind kaum noch auszumachen. Darüber hinaus ist mir nicht klar, wo mich die Gezeiten hintreiben werden. Ich habe keine Ahnung wo ich landen werde. Ich weiß nicht ob ich überhaupt irgendwo landen werde. Wohin werden mich die Wellen des Lebens wohl tragen? Wo findet die Treibholz-Reise ihr Ende? Wird sie denn je ein Ende finden? Es ist an der Zeit an Land gespült zu werden! Nicht zuletzt stelle ich mir selbst die Frage danach, warum ich mich dem Schicksal dermaßen unterwerfe und nicht versuche, dem Treiben etwas entgegenzusetzen. Wie ich zum Spielball der Gezeiten wurde ist nicht die Frage, aber warum schaffe ich es nicht ihrem Sog zu entkommen? Die Antwort ist ziemlich simpel und ihrem Wesen nach auch Zeugnis von der tiefen Traurigkeit die noch immer in mir wohnt. Wer nicht um meine Geschichte weiß könnte auf den Gedanken kommen ich wäre ein Mensch der kein Durchhaltevermögen hat, der nichts gebacken bekommt und darüber hinaus auch noch im Selbstmitleid zerfließt. Und hin und wieder ertappe ich mich tatsächlich darin zerfließend. An solchen Tagen wächst die Wut in meinem Bauch. Wut darüber, dass mir nicht ‚nur‘ meine Vergangenheit das Leben schwer macht, sondern auch Wut darauf, wie ich mit ihr umgehe. Manch einer mag von Resignation oder gar Kapitulation sprechen. Ich selbst hingegen kann mich weder für schwarz noch für weiß entscheiden. Um mit einer Metapher zu sprechen bin ich jetzt wohl zu einem „Grenzkind“ geworden. Schon ein großer Erfolg für mich wenn man bedenkt, dass ich vor nicht allzu langer Zeit ein Leben in absoluter Dunkelheit führte. Fünf Buchstaben, denen meine Existenz nicht gerecht werden konnte. Ich dämmerte vor mich hin. Die Farbe der Trauer hatte meine Seele in ihren Mantel gehüllt. Schwarz. Und nun stecke ich zwischen beiden Welten fest. Der Blick zurück ins Schwarz scheint mir einfacher zu sein, doch alles in mir sträubt sich dagegen auch nur einen Schritt zurück zu tun. Der Blick ins Weiß hingegen verliert sich in dicken Nebelschleiern.

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