Die Tage in der Klinik.

Der Therapiealltag begann immer damit, sich in die Liste einzutragen. Name und Ankunft. Danach ging ich an meinen Spind um meinen Rucksack zu verstauen und um ein paar Dinge die ich für den Tag brauchte zurecht zu legen. Zigaretten durften nie fehlen. Ohne sie ging gar nichts. In den Wochen, die ich in dieser Einrichtung verbrachte, rauchte ich so viel wie nie zuvor. Waren gerade keine Therapien für mich fand man mich unter Garantie im Raucherzimmer. Ein kleiner Raum in der hintersten Ecke der Tagesklinik. Muffig. Eng. Vom Nikotin vergilbte Wände. Ein Tisch, vier Stühle. Mit Blick auf die Straßenbahnhaltestelle. Oft saß ich dort, direkt am Fenster und mein Blick wanderte den Weg hinauf zur Straßenbahn.

E i n s t e i g e n,  T ü r e n  s c h l i e s s e n,  a b f a h r e n.

N u r   f o r t   v o n   h i e r. Wenn ich es nicht mehr aushielt ging ich in den Patientengarten. Setzte mich dort auf eine Bank am Teich, im Schatten der Klinik. Sah zu, wie der Wind Wellen auf das Wasser zauberte. Ich fütterte die Enten, sprach mit ihnen und achtete penibel genau darauf, welche von ihnen schon etwas von meinem Brötchen abbekommen hat. Oder ich ließ einfach nur die Stille auf mich wirken und ließ meine Gedanken fliegen. Die Tage waren lang und zum Teil unerträglich. Viele Untersuchungen musste ich über mich ergehen lassen. Ich wurde von den Schwestern von einem Termin zum nächsten geschickt. Sie nahmen mir Blut ab, um Drogenmissbrauch auszu-schließen und um zu kontrollieren, ob ich die Medikamente auch wirklich einnahm. Ich musste zum Röntgen, MRT und zum Ultraschall. Meine Nervenbahnen wurden untersucht und die Ärzte haben Strom durch meinen Körper gejagt. Eine  Lumbalpunktion bildete den Abschluss dieses Marathons. Ein sehr schmerzhafter Eingriff, bei dem Hirnwasser aus der Wirbelsäule gezogen wird. Am Tag des Eingriffs war ich nervös. Ich wusste, was auf mich zukommen würde, doch die Tage danach übertrafen meine Vorstellungen bei weitem. Der Unterdruck in meinem Kopf stieg ins Unermessliche. Jede Bewegung zerriss mir förmlich die Schädeldecke. Erschöpfung dirigierte meinen Tag und die Medikamente taten ihr Übriges. Psychopharmaka und Neuroleptika, Schlaftabletten und Beruhigungsmittel  waren beinahe das Einzige, was ich zu mir nahm. Kein Hunger, kein Appetit, kein Durst. Zwang ich mich dazu Nahrung aufzunehmen, dauerte es nicht lang bis ich mich übergeben musste. Es blieb nichts drin. Ich nahm Kilo um Kilo ab. Bis ich nahezu fünfundzwanzig Prozent meines Gewichts verloren hatte und die Waage nur noch fünfundfünfzig Kilo anzeigte. Die Folge war die Verordnung von Flüssignahrung. Kleine Trinkpäckchen in verschiedenen Geschmacksrichtungen. So war ich zumindest mit dem Nötigsten versorgt.

In demselben Maße, wie ich das Essen verweigerte, entzog ich mich auch den sozialen Kontakten. Verbarrikadierte mich, entschwand immer mehr. Nicht  reden,  nicht  essen, keine Fragen und keine Blicke. Pure Isolation. Selbst gewählte Vereinsamung. Abgeschottet vom Rest der Welt. Meine Welt war eine andere. War verloren in mir selbst. Habe vergessen wer ich bin. Die Tagesklinik glich einem Abstellgleis für Menschen wie mich. Um mich herum sah ich nur kaputte Existenzen. Gebrochene Menschen. Gebrochen vom Leben. Abstellgleis. Fernab von meiner Familie, fernab von Alexander und vom Studium. Fernab von Freunden und vom Leben.

Die Klinik war der einzige Ort, an dem es mir nicht gelang mich zu verstecken. Ich wurde geführt. Auf mich warteten Einzel- und Gruppengespräche, Ergo- und Bewegungstherapien, Lebenspraktisches Training und Sozialtherapie, Gesundmarsch und Außenaktivitäten, jede Menge medizinische Untersuchungen, Medikamentenausgaben, gemeinsames Frühstück und gemeinsames Mittagessen. Jeden Tag aufs Neue Unruhe und Kraftanstrengungen, Auseinandersetzungen mit meiner Vergangenheit und diese Müdigkeit. Alles dominierende Erschöpfung. Tiefe Müdigkeit. Unsagbare Müdigkeit. Lebensmüde. Die so genannte Abschlussrunde läutete das Ende jedes einzelnen Kliniktages ein. Wieder der Gang zum Spind. Ich griff meinen Rucksack und ging aus der Tür. In Gedanken vertieft lief ich zur Straßenbahn, stieg ein und schaute aus dem Fenster. Ich ließ die Straßen an mir vorüberziehen, so wie damals, als ich Kind war. Doch das hier war nicht der Goethepark und ich war kein Kind mehr. Das was ich war bekam ich nicht zu fassen. Ich fand keinen Zugang zu mir.

Die  Blicke  der  anderen  Fahrgäste  treffen  mich.  Mein  Gesicht  spiegelt  sich  im  Glas.  Kein  Ausdruck.  Meine  Augen  lachen  nicht  mehr.  Fahle   Haut.

K r a m p f. Q u a l. K e i n e  S p u r  v o n  E m o t i o n e n.

Ich denke an den dicken Mann im Bus. Sehe das Monster vor mir. Ich rieche Alkohol, rieche Schweiß. Leute steigen zu und Leute steigen aus. Ich will nur noch verschwinden, weiß nur nicht wohin ich gehen soll. Also bleibe ich sitzen. Sitze es aus. Versuche mich zu verstecken, mache mich klein. Meine Hände krallen sich in meinem Rucksack fest. Verkrampfen. Sie sind nass und kalt.

[…]

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