Nohas Baby.

In meinem Zimmer steht ein Lehnstuhl, daneben stehen zwei Aufbewahrungsboxen auf dem Boden. In ihnen befinden sich Fotos und Briefe, allerlei Andenken und viele andere kleine Schätze. Boxen gefüllt mit Kostbarkeiten. Kostbar ist ihre Bedeutung für mich. Unter all diesen Dingen liegen Gedichte begraben. Liebesgedichte von Kathrin. Liebesgedichte an mich. Von Noha.   N o h a. Ich gab ihr diesen Namen. Er sollte das zarte Band zwischen uns mit Leben erfüllen. Sollte den Hauch einer zarten Liebe atmen. Zart und unschuldig, wie die Liebe zweier Menschenkinder. Vergleicht man diese Anfänge einer Liebe mit einem zarten Pflänzchen, so habe ich es wohl verdorren lassen. Habe mich zu wenig darum bemüht es wachsen und gedeihen zu lassen. Und so werde ich nie erfahren, ob es zur Blüte gekommen wäre und welche Farbe diese Liebe getragen hätte. Ich stand mir selbst im Weg und ich stand uns im Weg. Ihr ein Zeichen zu geben und die Botschaft von Liebe und Zuneigung zu übermitteln wäre falsch gewesen. Eine gemeinsame Zukunft konnte es nicht geben. Nicht damals. Nicht jetzt. Nie. Eine Beziehung mit einer Frau zu führen käme einer Lüge gleich. Eine Posse, die Opfer auf beiden Seiten abverlangen würde. Eine jener Geschichten, die man nicht leben muss um ihren Ausgang zu erfahren. Ein Wissen, welches in Bezug auf ganz andere Beziehungskonstellationen in meinem Leben von großer Bedeutung gewesen wäre. In gewisser Weise hätte es mir eine Art Haltewunschtaste inklusive Anzeigetafel implementiert. Manche Fahrt durchs Leben wäre anders verlaufen. Ich hätte aussteigen können, sobald ich in der Lage gewesen wäre, die Richtung in die es ging in richtig oder falsch einzustufen. Die Kombination aus Tafel und Taste wäre ohne Frage ein Garant für bessere Zeiten gewesen.

Zurzeit steht da wieder ein Bild von Kathrin im kleinen Bücherregal, hier in Erfurt. In dieser fremden Stadt. Fremd auch weil sich ihr mein Herz nie öffnen konnte. Auch um dieser Fremde auszuweichen ließ ich Fotos die Geschichte meiner Vergangenheit erzählen. Eines dieser Bilder zeigt sie kurz nach der Geburt ihres Sohnes. Sander. Die Besiegelung ihrer Liebe zu André. Oder doch nur ein Unfall? Ein Wort, welches sich in Beziehung zu einem Kind äußerst böse anhört und mir wehtut. Zu lesen was ich hier schreibe gefällt mir nicht sonderlich. Trotz allem war es zu früh. Zu früh für ein Kind und zu früh um sich an einen Mann zu binden. Ein Mann der keiner war. Nicht nach meinem Verständnis. Was verband sie mit ihm? Was außer Sander? Warum sieht sie nicht was ihr Umfeld längst erkannt hat? Dieser Mann war und ist nicht gut für sie. Einmal war ich zu Besuch in ihrer Wohnung in einem kleinen Ort auf halber Strecke zwischen Weimar und Jena. Von hier floh sie so oft wie es nur möglich war zu ihrer Familie. Sie hielt es dort nicht aus. Sie war zu einsam und hatte einen Mann an ihrer Seite der ihr keinen Halt und keine Wärme geben konnte. Kann sein, dass er nicht in der Lage war ihr zu geben was sie brauchte. Schlimmer wäre es allerdings, hätte er sich in Sachen Gefühlsregung nur in Punkto Eifersucht und Bettgeflüster als ihr „Mann“ und „Partner“ zu erkennen gegeben und ihr jede weitere Aufmerksamkeit verwehrt. Dann wäre er ‚nur‘ ein Mann und nicht ihrer und schon gar kein Partner.

Ich besuchte sie ein paar Mal wenn sie bei ihren Eltern tief im Grünen war. Ging mit ihr und ihrem Sohn spazieren. Wir unterhielten uns jedoch nie über das was uns verband. Ihre Gedichte an mich waren nie ein Thema. Ihre Gefühle zu mir schwieg sie aus. Sie schwieg. Schwieg wie ich es tat. Wir schwiegen.

Manchmal dachte ich daran, wie es wohl gekommen wäre hätte ich mich ihr nicht entzogen. Denke daran, dass ihre Zukunft eine andere hätte sein können. Und ich stelle mir vor wie es wohl wäre der Vater ihres Sohnes zu sein. Wie es wohl wäre eine kleine Familie zu haben. Und dann wird mir schlagartig bewusst, dass dieses Bild aus einer anderen Welt stammt. Einer Welt, deren Tore für mich verschlossen sind. Ich werde keine Familie mein eigen nennen können, welche der traditionellen Vorstellung entspricht. Für eine Frau ist ganz einfach kein Platz in meinem Leben mit all seinen Facetten, so wie es sich nun einmal zusammengefunden hat.

[…]

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