Prinzen für einen Sommer.

Ein paar Jahre liegt es nun schon zurück, dass ich es fand. Mein kleines Glück. Einen Sommer lang bekam ich eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt von Leichtigkeit getragen zu werden. Es war ein Bilderbuchsommer. Von der Sonne gekitzelt und von Zärtlichkeit verwöhnt. Abenteuer lag in der Luft. Meine ersten Schritte hinaus in die Welt. Ich nabelte mich von meinen Eltern ab. Hatte mir viel Zeit dabei gelassen diesen Schritt zu gehen. Doch dieser Schritt ist im Leben eines jungen Menschen unumgänglich. Unweigerlich kommt, wenn die Zeit dafür reif ist, das Gefühl ausbrechen zu wollen. Man will raus. Will wissen wie der Hase so läuft und über den eigenen Tellerrand schauen. Wenig überraschend schlitterte ich viel zu schnell in eine Romanze. Und genauso unverhofft wie es begann sollte es auch enden. Zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens war ich mit Hannes zusammen.

Ein  Mann  wie  ein  Buch  mit  sieben  Siegeln. Kein Buch das man ein zweites Mal in die Hand nimmt. Einmal drin gelesen und der Geschichte überdrüssig. Eines, das man getrost wieder aus den Händen legen kann. Eines wie viele und doch eines wie keins. Schlechte Literatur. Ohne guten Inhalt. Schlecht geschrieben und schlecht inszeniert. Ein Mann mit miesem Karma. Vielleicht war dies ein Vorgeschmack auf spätere Begegnungen.

Ich war dreiundzwanzig, er war um die dreißig. Beziehung konnte man es nicht nennen was uns miteinander verband. Wir verbrachten einige Zeit zusammen und hatten unseren Spaß. Ich hatte gerade erst damit begonnen mir einen Überblick zu verschaffen. Ich fand jede Begegnung spannend und fing an die Liebe zu erkunden. Oder vielmehr das, was ich zu diesem Zeitpunkt für Liebe hielt. Experimentierte noch. War völlig unvoreingenommen und so ließ ich mich auf dieses Spiel ein. Ließ mich auf Hannes ein. Ziemlich früh erkannte ich, dass das was wir gemeinsam hatten durchaus weniger wog als das, was uns trennte. Unser Verhältnis lehrte mich wenig Gutes. Ich begriff wie er dachte und wie die Welt aussah in der er lebte. Wie schnell man sich auf jemanden einlässt und ihn jederzeit wieder abstoßen kann. Seine Art mit dem was man Liebe nennt umzugehen verletzte mich. Ließ ein Beben meine Welt erschüttern. So gab ich ihn auf und begann ihn zu vergessen. Doch nicht ohne Hilfe. Nie gelang es mir ohne Hilfe und diese fand ich in einer neuen Beziehung. So lief es immer. Das ‚Pausen-Schema‘ hatte ich nie für mich entdeckt. Mich mit dem was hinter mir lag auseinanderzusetzen kam mir nicht in den Sinn. Sah keinen Sinn darin mir Zeit zu nehmen um diese Emotionshäppchen zu verdauen. Anders sah und verstand ich es damals nicht. Zu einer wirklichen Bindung mit Herzblut kam es in dieser Zeit nie. Und dennoch knapperte stets der Verlust an mir. Ich hatte etwas verloren ohne es je wirklich besessen zu haben. Damals wusste ich nicht was mir fehlte, was mich umtrieb und was mich immer weiter rennen ließ. Was mich dazu brachte mir ständig ein neues Outfit zu verpassen. Neue Männer auszuprobieren. Kurz reinschlüpfen und dann ab in den Schrank. Eine Beziehung löste die andere ab. Ein Mann folgte nahezu lückenlos auf den anderen. Traurig aber wahr. Ich konnte und wollte mich nicht auf Trennungen einlassen ohne den Trost einer neuen Liebe, auch wenn es zu oft nur eine Romanze war. Das Ende einer Zweisamkeit zu akzeptieren stellt für mich immer noch eine Hürde dar, die zu überwinden ich nach wie vor nicht in der Lage bin. Aber wie ich schon sagte, nur diese Art des Trosts verhalf mir über derartige Verluste hinweg zu kommen. Auch eine Art der Flucht. Nur die Nähe eines Mannes ließ mich die Lücke vergessen, die eine Trennung mit sich brachte. Ich konnte nicht allein sein. Der Entzug von Nähe und männlicher Zuneigung war für mich unerträglich. Ich wollte, ja, ich musste unter allen Umständen gehalten sein. Vielleicht war ich aber auch nur zu feige mich mit einer Trennung erstens als Single und zweitens darüber hinaus in ihrer Gänze auseinanderzusetzen. Was das anbelangt, so war ich wohl einfach vollkommen unfähig. Unfähig einen Mann sein Leben ohne mich leben zu lassen und die Gewissheit  zu ertragen, dass ein anderer meinen Platz einnimmt. Unfähig zu akzeptieren, dass dieser Mann mich nicht braucht damit es ihm gut geht.  Doch die Unfähigkeit abzuschließen stellt mich heute mehr als zuvor vor enorme Herausforderungen. Wenn man nicht verarbeitet schiebt man auf, verzögert man nur das Unausweichliche. Flucht in die Arme eines anderen Mannes war also der Weg den ich für mich gewählt hatte. Meine Ultima Ratio. Nicht gerade die beste Ratio aber dennoch meine Ratio. Meine Verdrängungs-Ratio. Bis heute. Und dieser Weg führte mich unter anderem zu Manuel. Ein Bayer. Verspielt. Mit wunderbar leuchtenden Augen. Haut so weiß wie Elfenbein. Dunkles Haar. Naive Leichtigkeit ging von ihm aus. Fast  zu  jung  in  seiner  ganzen  Art. Darin lag wohl sein Reiz. Und ich ließ mich darauf ein. Ergab mich seinem Reiz.

So lebensfroh und offen wie er war brachte er mich zum Lachen und ließ mich vergessen. Wir unternahmen viel, trafen uns mit Freunden, gingen auf den Petersberg oder zum Baden an den Baggersee. Wenn ich bei ihm schlief machte er Frühstück für uns beide. Wir saßen an diesem kleinen Tisch am Fenster, hörten Musik und unterhielten uns. Wir lachten und so begann unser Tag. Mit einem Lachen und mit einem guten Gefühl. Nun, einige Jahre später und ohne Frage um einige Erfahrungen reicher, kann man die Zeit mit Manuel mit einer Sandkastenliebe vergleichen. Sandkasten meines Liebeslebens.

Ich erinnere mich an unseren ersten Abend. Er arbeitete neben seinem Studium in einem Internetcafé. Durch Hannes wusste ich wo und so ging ich einfach zu ihm. Er freute sich mich zu sehen. Dass er sich für mich interessierte wusste ich seit unserem ersten gemeinsamen Stammtisch. Unsere Blicke trafen sich. Er lächelte mir zu und versuchte auf sich aufmerksam zu machen. Nun war ich also bei ihm. Die  Aufregung  in  mir  ließ  sich  nicht  verbergen.  Die  Luft  war  wie  elektrifiziert.

Ich setzte mich zu ihm, direkt an seinen Schreibtisch. Er machte seine Arbeit und gab es keine Kunden unterhielten wir uns. Sein Lächeln ließ mich nicht mehr los. Bei der Frage, ob ich später mit zu ihm kommen wolle stockte mir der Atem. Übernachten sei kein Problem, so Manuel.

Es  knisterte  gewaltig. Ich überlegte nicht lang und sagte ihm zu. Wollte ihm nahe sein. Dachte nicht an mehr. Wollte nur mit ihm atmen. Wollte seine Welt atmen. Für mich zählte in diesem Augenblick einzig und allein jemanden bei mir zu haben. Nicht allein zu sein. Gesellschaft. Männliche Gesellschaft.

M a n u e l.

Bald darauf kam auch schon seine Ablösung, Max, ein Freund von Manuel und ebenfalls Student. Auch ihn kannte ich vom Stammtisch, zu dem mich Hannes das erste Mal mitnahm. Max kam also in das Internetcafé um zu arbeiten und das hieß für meinen bayrischen Entenarsch, dass er nun Freizeit hatte. Ich konnte es kaum erwarten mit ihm allein zu sein. Sehnte mich danach in Ruhe mit ihm zu reden, ihn ganz für mich allein zu haben. Mich ganz auf seine Stimme konzentrieren zu können.  Nur  er  und  ich. Wir verabschiedeten uns und setzten uns in Bewegung. Der Weg zu ihm nach Hause führte uns über den Fischmarkt. Weiter in Richtung Johannesstraße. Von ihr ging eine kleine Gasse ab und nach etwa zwanzig Minuten waren wir bei ihm angekommen. Er zeigte mir sein Domizil. Irgendwie passte alles zu ihm. Er hatte eine kleine Wohnung in Parterre. Ziemlich vollgestellt, eng und dunkel. Eigentlich nur ein Raum in dem sich alles abspielte. Ein ziemliches Chaos in dem ich da stand. Er war wohl nicht auf Besuch eingestellt. Ging ja auch alles holterdiepolter. Er zündete eine Kerze an und ließ Musik laufen. Versuchte es irgendwie gemütlich zu machen. Wir unterhielten uns den ganzen Abend. Er war neugierig, wollte wissen wer ich bin. Sein Interesse schmeichelte mir. Unsere Blicke trafen sich. Die Stimmung war gut. Wohltuende Ruhe. Eine Atmosphäre wie ich sie brauchte. Ich fühlte mich wohl bei ihm und er gab mir zu verstehen, dass er froh war diesen Abend nicht allein zu verbringen. Nun hatte ich ihn ganz für mich allein. Er roch gut und seine Haut war ganz weich. Sein Atem streifte meine Haut. Ich sehnte mich nach seiner Berührung. Wollte einfach nur in den Arm genommen werden, in ihnen versinken. Wir ließen alles so geschehen. Zwei kindliche Seelen, die sich nach Wärme sehnten und sich liebten wie sie sind. Eine unschuldige Liebe, ohne Kompromisse. Es gab nur sanfte, zärtliche und fast kindliche Küsse zwischen uns. Es blieb bei dieser unschuldigen Nähe. Keine Forderungen, keine Fragen. Nur wir zwei. Wir waren zwei und wir waren eins. Und wir wussten, dass dieser Sommer uns gehörte. Doch dieser Sommer sollte vergehen und mit ihm verging dieses kleine Kontinuum das uns umgab und uns schützte.

Einen ganzen Sommer lang Nähe. Ein Sommer wie für Prinzen gemacht. Wir waren Prinzen für diesen einen Sommer.

Wir fanden uns Jahre später wieder. Ich in der schlimmsten Phase meines bisherigen Lebens. Er in den letzten Zügen der seinen. So lang hatten wir uns aus den Augen verloren. Jahre trennten uns. Fünf an der Zahl. Wir hatten weder voneinander gehört, noch hatten wir uns zu Gesicht bekommen. Kein Lebenszeichen. Absolute Stille und dennoch kein Vergessen. Dennoch ein zartes Band der Verbundenheit. Ein Band von diesem einen Sommer geboren. Ein Stück weit lebte er in uns fort. Ein Stück weit hielt er uns gefangen. Und ohne Zweifel mich mehr als ihn. Ein Schuh, der mir noch heute gut passt. Ganz gleich wie viele Paare zur Auswahl stehen, letztlich sind es immer die emotionalsten Treter für die ich mich entscheide. Keine bequemen Schuhe und kein leichter Gang mit ihnen. Mit der Zeit werden sie mitunter enger und verursachen Schmerzen. Mal mehr und mal weniger heftige Blessuren bleiben zurück. Als dieser Sommer verging kehrte nicht nur ich Erfurt und den Puffbohnen den Rücken, auch Manuel verließ wenig später die Stadt. Er schmiss sein Studium und nach einem kurzen Zwischenstopp bei seinen Eltern und einer Ausbildung ging es für ihn nach Essen. Kein Ort und kein Desaster wie Leipzig aber dennoch ein wunder Punkt auf der Landkarte seines Lebens. Schwarzer Makel. Vielleicht auch so etwas wie seine persönliche Stunde null. Wer weiß.

Er erlitt ein Burnout und ich war gefangen von meiner Depression. Unser beider Leben war nahezu parallel in schwarz gehüllt. Beides zur gleichen Zeit. Er in Essen und ich in Erfurt. Wenig später kehrte er zurück zu seinen Eltern um kurz darauf nach München zu gehen. Er ließ Essen hinter sich. Wagte einen Neuanfang. Verschiedene Gründe veranlassten ihn dazu diesen Schritt zu tun. Nun ist er dort und ich bin immer noch in Erfurt. Der Stadt, die mir bis heute keine Heimat ist. Der Stadt, die wenig Gutes für mich bereit hielt. Stadt, die Leipzigs Erbe antrat. Eine Stadt, in deren Schoß ich meinen Kopf legte und bittere Tränen vergoss. Schoß, der keinen Trost spenden konnte. Nicht mir. Nicht so. Nicht Erfurt.

Mir ist nicht klar, wie sich sein Leben in München gestaltet. Er schreibt mir viel und doch widerlegt er einiges von dem Gesagten wenige Tage später. Es mutet beinahe so an, als wären seine Ansichten abhängig von seiner Tagesform. So weiß man nie wirklich zu wie viel Prozent seine augenblickliche Meinung auch noch morgen zählt. Unstet und schwankend. Auch das sind wohl Attribute die sich in Manuel vereinen. Attribute, die lange Zeit auch auf mich zutrafen und die ich verflucht habe. So ist es nicht verwunderlich, dass ich auch in seinem Falle damit nicht umgehen kann. Zumal ich mich nach dem exakten Gegenteil sehnte und bis heute meinen Kompass danach auszurichten versuche. Unstet und Rastlos war ich selbst genug. Und in diesem Fall verhält es sich nicht wie in der Mathematik. Hier kann ich nicht damit rechnen, das Minus und Minus ein sattes Plus ergeben. Selbst wenn es das täte, dieses Plus würde nicht passen.

Ist er wie ich eingeholt von einem längst vergangenen Sommer? Fühlt er sich ähnlich überrumpelt vom Aufleben der alten Zeiten. Wirft das alles auch in ihm Fragen auf? Sind es nicht Fragen der Kategorie Hätte, Wäre, Wenn? Machen sie einen Sinn? Welchen Sinn hat es überhaupt nach dem Sinn zu fragen? Die Sinnsuche kann bisweilen ziemlich aussichtslos sein.

Erst eine ungewollte und dann doch eine gewollte Beziehung. Monogamie wird von ihm verteufelt und kurz darauf als gegeben akzeptiert. Er scheint sich selbst nicht ganz sicher zu sein wo sein Weg hinführt. Ist sein Verhalten und sein mir offenbartes Gefühlsleben irrational? Ich denke schon. Aber lebte eine Beziehung nicht davon? Veranlasst uns Liebe nicht dazu irrational zu sein? Es ist nicht rational. Es ist Liebe. Irgendeine Form von Liebe die ihn mit Tim verbindet.

[…]

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