Rasante Fahrt mit Bruderherz.

In den Jahren vor ’89 verbrachten mein Bruder und ich viel Zeit miteinander. Jahre in denen ich nicht nur um seine Existenz wusste. Es waren Jahre in denen ich ihn spüren konnte und in denen unser beider Blut der selben Sprache mächtig war. Wir fuhren mit den Rädern durch den Goethepark, spielten am alten Wehr in der Pappelallee oder er nahm mich mit zu seinem Kumpel Olli. Kindlicher Freund und Bruder im Geiste. Mit ihm stromerten wir durchs grüne Dickicht der Stadt und erlebten Abenteuer fernab der realen Welt. Wenn wir beide bei unserer Großmutter waren gab es für uns kein Halten mehr. Wir waren immer unterwegs. Ständig gab es etwas Neues zu entdecken. Die Abenteuerlust packte uns. Wir verbrachten viele Stunden am Bach und bauten Wehre oder hielten nach Kaulquappen Ausschau. Wir liefen über Felder und durch seichte Täler. Fanden Knochen und suchten nach Tierspuren. War die Zeit für Pilze reif, zog es uns in den nahe gelegenen Wald. Mein großer Bruder hatte ein Gespür für Pilze. Man konnte sich ganz auf seine Nase verlassen. Wo er war gab es Pilze und umgekehrt. Im gleichen Maße, wie er seinem Gespür folgte, folgte ich ihm auf Schritt unt Tritt. Meine kleinen Füße folgten seinen Spuren. Auf ihn konnte ich mich verlassen. Er war mein großer Bruder. Er nahm mich mit, ganz gleich wohin es auch ging. Ich folgte ihm, denn ich wusste mir würde nichts passieren.

Ganz in der Nähe war eine alte Scheune, in der wir ein Hornissennest entdeckten. Hier war die Luft trocken und der Staub tanzte im gebrochenen Licht der Sonne, das zwischen den maroden Holzlatten hindurch schien. Das Summen der für mich Angst einflößenden Insekten war nicht zu überhören. Die Strohballen waren übereinander gestapelt und füllten nahezu die Hälfte der Scheune aus. Die Frage nach der Besteigung dieses kleinen aus gepressten Strohalmen bestehenden Kletterberges stellte sich mir im Gegensatz zu meinem Bruder nicht. Er machte keine Anstalten und stieg dort hinauf. Er war in vielen Dingen um einiges wagemutiger als ich es war. Beispielsweise erinnere ich mich an einen Nachmittag, den ich mit ihm und seinem besten Freund Olli verbrachte. Olli wohnte in der Mittelstraße. Von unserer Wohnung konnte man sein Haus beinahe sehen. Die Ilm war nicht weit von uns entfernt und bildete eine natürliche Grenze zwischen Oberweimar und Ehringsdorf. Dort zog es uns hin. Und was gab es spannenderes für Jungs als ein Wehr? Für uns in diesem Moment reinweg gar nichts. Und für mich gab es nichts, was so sehr Aufregung und Spannung in mir hervorrief wie es in Momenten wie diesem der Fall war. Momente, die nüchtern betrachtet kaum eine Bedeutung besaßen. Doch ich hob sie in ihrer Bedeutung auf einen Thron.

Einen dieser ‚gekrönten‘ Momente erlebte ich an einem sonnigen Augusttag.

Ich saß auf dem Gepäckträger direkt hinter ihm, die Arme fest um ihn geschlungen und wir fuhren die Straße runter. Es ging rasant bergab. Schneller, immer schneller. Der Fahrtwind blies mir die Haare aus dem Gesicht. Meine Finger krallten sich in sein T-Shirt. Der Sommer zauberte kleine funkelnde Sterne auf seine Haut. Es war heiß und der Wind tat gut. Da war keine Angst. In diesem Moment fühlte ich nur mein Vertrauen zu ihm. Er übernahm Verantwortung, für sich und für mich. Er fuhr mit mir diesen Berg hinunter. Nie wieder gab es einen Tag an dem wir uns so nahe waren. An dem ich ihn berühren konnte ohne mich schlecht zu fühlen. An dem ich mich wie sein kleiner Bruder fühlte und nicht wie ein Fremder. Die rasante Fahrt ließ nach und wurde mehr und mehr zu einem bloßen Rollenlassen. Bis sie ganz und gar an Schwung verlor. Bis hin zum Stillstand über Jahre hinweg. Stillstand. Es fühlte sich beinahe so an, als hätte ich keinen Bruder. Und doch war er ein Teil von mir. Über all die stillen Jahre hinweg. Er war Held und gleichzeitig Antiheld. Bruder und Fremder zugleich.

Wir sind eins und doch verschieden. Nach all den Jahren ist die Stille zu einer Facette unserer Beziehung geworden . Ich hoffe, die Distanz zwischen uns ist nur den verschiedenen Lebenswegen geschuldet und entspricht dem Bild des Zenits zweier Halbkreise. Zusammen ergeben sie eins und wenn wir weitergehen schließen wir den Kreis.

Ich bin dir verbunden.

[…]
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