Flaschenpost aus längst vergangenen Zeiten.

So machte ich mich daran, mit Beethoven, Mozart, Napoleon und all den anderen großen Männern des 18. Jahrhunderts ins Bett zu steigen. Ihre Liebesbriefe sprachen mehr als tausend Worte. Hier wurde nicht Liebe mit Worten umschmeichelt, hier wurde Leidenschaft auf Papier gebannt. All diese Sehnsucht in Wort gepresst. In dieser Nacht komme ich nicht zum schlafen.

Da wären zum einen die Briefe Beethovens, in denen er die Ewigkeit beschwört und seine unsterbliche Geliebte anbetet. So schließt er in einem seiner Briefe mit folgenden Worten. Worte die keiner Interpretation bedürfen. Worte, schön und zerreißend zugleich. „Sei ruhig, liebe mich, heute, gestern, welche Sehnsucht mit Tränen nach dir, dir, dir mein Leben, mein alles. Leb wohl, oh liebe mich fort, vergesse nie das treuste Herz Deines Geliebten.

Ewig dein

Ewig mein

Ewig uns.

Und niemand kann sagen, ob Ludwigs Sehnsucht ihre Erfüllung fand und wenn doch, dann womöglich indem er in ihre Arme fliegt. „Leben kann ich entweder nur ganz mit Dir oder gar nicht, ja ich habe beschlossen in der Ferne so lange herum zu irren, bis ich in Deine Arme fliegen kann, meine Seele von dir umgeben ins Reich der Geister schicken kann.“ Melancholie im Namen der Liebe.

Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und versuchte dem Mysterium nachzuspüren. Noch scheint es mir nicht zu gelingen. Nicht so wie früher. Nicht so wie vor meinem jahrelangen Liebesfiasko.

Noch scheint mein Herz in Schweigen gehüllt. Mir wird bewusst, dass die größte Herausforderung für mich nicht das Loslassen sein wird. Vielmehr ist es wohl das Zulassen von Gefühlen und das Einlassen auf eine neue Zukunft in Zweisamkeit, woran ich hart arbeiten muss. Ich muss an mir arbeiten und muss einen Weg finden mich wieder zu öffnen. Emotionen zuzulassen. Keine Truhe mehr. Einsicht und Zuversicht. Auf mich zugehen lassen und entgegen gehen. Es existieren wohl doch verschiedene Dimensionen oder gar Größen von Liebe. Sind es etwa emotionale Parkbuchten unseres Lebens? In manche kommt man einfach nicht rein, oder aber es wird verdammt knapp und ist dann wohl eher Maßarbeit. Manche liegen wohl einfach nur auf der Strecke und sind Teil unseres Weges. Dort verweilen wir für einen Augenblick und wenn wir unsere Reise fortsetzen sagen wir adieu. Kehren nie zurück an diese Orte. Einige bleiben uns in Erinnerung, andere hingegen sind einzig und allein dem Vergessen würdig. Und doch sind diese Parkbuchten Stationen unserer Reise durchs Leben.

Wie nah parke ich am Ziel frage ich mich?

Ich begann weiter zu lesen und wandte mich ab von Beethoven und hin zu Heinrich den IV. von Frankreich. Andere Umstände freilich und doch so viel Glut in seinen Worten. Ebensolche Leidenschaft. Emotionsverhangene Worte mit begehrender und liebender, vielleicht gar zitternder Hand geschrieben.

Eine Liebesbotschaft von der Front. In Nachbarschaft des Krieges ist er zerrissen von Sehnsucht und dem großen Drängen in ihre Arme zu fliehen. Ein Held an der Front, der sich ohne Zweifel nach einem tröstenden Schoß sehnt. Ist es der Rauch der dröhnenden Kanonen, der ihn in die friedliche Welt seines geliebten Schatzes fliehen lässt? Ist es der Dreck des Kampfes, der in ihm den Wunsch heranwachsen lässt, sich von ihrer Liebe reinwaschen zu lassen? Wie kann er eine Verbundenheit demonstrieren? Eine Verbundenheit weit über die Grenzen des Schlachtfeldes hinaus? Ist es seine Art zu überleben? Ist es seine Begierde, ist es die Liebe zu dieser Frau die ihn überleben lässt? Was macht diesen Mann so stark in solch schweren Umständen? Zerrissenheit dominiert sein Dasein. Die Schlacht fordert ihre Opfer. Blut fließt nicht nur durch Körper und Geist. Blut bildet einen Strom auf der Erde, färbt sie rot und tränkt sie. Blut das durch Adern floss und Herzen durchspülte. Auch liebende Herzen. Blut. Inbegriff des Lebens. Lebenselixier.

Und so ist es wohl die Liebe, ist es sein ‚schöner Engel‘ und sein Verlangen, die ihm Kraft geben und seinen Gedanken Flügel wachsen lassen. Zuneigung und Begierde sind wohl der Grund für den Refrain, der sich nach seinen Worten ständig wiederholt. „… come, come, come, my dear love.”

“… my beautiful angel: I am too confident of your affection –which is certainly due to me, for my love was never greater, nor my desire more urgent; that is why I repeat this refrain in all my letters: come, come, come, my dear love.”

Er ist von ihrer Liebe und Zuneigung überzeugt. Seine Liebe war nie größer, noch sein Verlangen je drängender.

Das Verständnis von Liebe war zur Zeit der Autoren dieser Botschaften ein ganz anderes. Dies ist wohl auch dem Zeitalter und der Umstände des Lebens geschuldet. Man gerät ins Schwärmen bei derartiger Fülle an Emotionen und Herzblut.

[…]

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