Facetten eines Vaters.

Keine Beziehung zwischen mir und einem anderen Menschen ist so vielschichtig, so brisant und von so vielen Farben geprägt. Von einem Extrem ins andere. Von Krisen geschüttelt. Vertrauen gewonnen, Vertrauen verloren und umgekehrt. Keine Kontinuität. Nichts von Bestand. Kein Verhältnis, das als „normal“ bezeichnet werden kann. Unausgesprochenes belastet unsere Vater-Sohn-Beziehung seit Jahren. So vielen Jahren. Eigentlich seit dem ich denken kann. Die Vergangenheit wirft ihre Schatten auf die Gegenwart. Auch aufgrund seiner Krankheit ist es kaum möglich eine Balance zu finden. Die Demenz hat ihn gepackt. Noch hat sie ihre Krallen nicht gänzlich um seinen Verstand geschlagen. Noch überwiegt die Klarheit. Ungewiss, wann seine Tage düsterer werden.

Zu stark sind seine Gemütsschwankungen und zu sehr bin ich in der Vergangenheit gefangen. Noch immer gibt es offene Wunden, die mich nicht vergessen lassen. An manchen Tagen scheint es mir zu gelingen sie zu übersehen, sie gar zu ignorieren. Dann denke ich, dass ich die Vergangenheit endlich ruhen lassen kann. Doch dann, wie aus dem Nichts heraus, treten die Schatten wieder in den Vordergrund. Dann sehe ich mich nachts mit meiner Bettdecke unter dem Arm aus der Wohnung fliehen, sehe zwei Polizisten vor unserer Wohnungstür stehen und sehe meinen betrunkenen Vater in der Küche sitzen. Es gelingt ihm nur schwer überhaupt sitzen zu bleiben. Sein Körper wankt von der einen zur anderen Seite. Er schimpft, er schreit, er droht. Ein Nachbar spricht durch das offene Küchenfenster zu ihm, versucht ihn zu beruhigen. Jedoch ohne Erfolg. Eher das Gegenteil ist der Fall. Mein Vater beginnt noch lauter zu schreien, wirft Gegenstände durch die Küche. Seine Stimme hat einen wahnsinnigen Unterton. Ich zittere. Ich sehe mich noch in diesem kleinen Bett im Kinderzimmer unserer Nachbarn liegen. Erinnere mich auch an den verängstigten Blick meines Bruders. Meines doch so starken Bruders. Wir liegen nebeneinander. Wir reden ganz leise, doch wir reden. Reden über dies und das, nur nicht über Vater. Wir reden bis wir einschlafen. Ängstliche Kinder, die vor Erschöpfung einschlafen. Ich sehe am Morgen danach meine Mutter auf der Couch im Wohnzimmer unserer Nachbarn liegen, Frau Oberland läuft hektisch von der Küche in das Wohnzimmer und wieder zurück. Die Ärztin sitzt neben meiner Mutter und verabreicht ihr eine Beruhigungsspritze. Ich sehe meiner Mutter an wie schlecht es ihr geht. Sehe ihre Verzweiflung und ihre Hilflosigkeit. Ich kann nichts weiter tun als bei ihr zu sein. Doch selbst das vermag sie in diesem Moment nicht zu beruhigen. Sehe in ihre Augen. Sehe diese Traurigkeit. Ich sehe zu viel. Tränen laufen über meine Wangen.

Es sind Erinnerungen wie diese und es ist der Nachgeschmack der Angst und der Hilflosigkeit, die einen Keil zwischen meinem Vater und mich stießen.

Wird es uns irgendwann gelingen, ja, wird es mir irgendwann gelingen dem ganzen Spuk ein Ende zu bereiten? Wird auch dieser Teil meiner Vergangenheit eines Tages in einem Karton verstaut ins Archiv wandern? Wird es mir je gelingen die Vergangenheit ruhen zu lassen? Kann es ein Pflaster geben? Eines das unsere Vater-Sohn-Beziehung heilen lässt?

[…]

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