Lied dumpfer Töne.

Der Tod eines Weggefährten. Verlust und Erlösung einer einsamen Seele. Pascal. Sein Lächeln ist mir noch heute ein Stück weit Trost, wenn die Tage nicht finsterer sein können. Ein kleines Lächeln. Traurig und sanft zugleich. Nur selten war es zu erkennen und viel zu selten sah ich Glanz in seinen Augen. In diesen großen, traurigen Augen.

Ein Datum voller Schrecken und schmerzender Erinnerungen. Dieser Tag jährt sich nun bald ein weiteres Mal und meine Gedanken kreisen um Leipzig, um Pascal und finden sich in dieser Gasse wieder. Ein Ort ohne Licht. Ich bekomme Gänsehaut. Aufs Neue fährt ein unheimliches Zucken durch meinen Körper. Meine Knie schmerzen und die Kälte der Pflastersteine kriecht mir wie damals unter die Haut. Ich kann den Lauf meines Blutes förmlich auf meinen Lippen schmecken. Warm fließt es mein Gesicht entlang und findet den Weg zu meinem Mund. Es schmeckt bitter und süßlich zugleich. Eine Hand gräbt sich in mein Haar und zieht meinen Kopf mit aller Gewalt nach hinten. Ich höre die Stimmen von Ricardos Lakaien. Mein Blick sucht nach Pascal. Will ihn sehen. Muss wissen was mit ihm geschieht. Mein Puls presst sich seinen Weg durch meinen Hals. Blut schießt in wahnsinniger Geschwindigkeit in meinen Kopf. Mir wird heiß. Ich bekomme Panik. Ich höre ihre Schläge. Erbarmungslos treffen sie auf seinen Körper. Höre dieses schreckliche Lied dumpfer Töne. Die Schläge der Lakaien. Höre Stöhnen und Keuchen. Entsetzliche Geräusche. Empfinde sie schlimmer noch als die Schmerzen, die ich am eigenen Leib zu spüren bekomme. Doch ich kann ihn nicht sehen. Diese Hand hält mich erbarmungslos in dieser quälenden Stellung. Ich knie auf dem Boden und sehe geradewegs in den schwarzen Himmel über der Stadt. Damals wurde mir die Antwort auf eine Frage geliefert, die ich nie offen aussprach: Gibt es einen Ort der den Namen Hölle trägt? Einen Ort des Schreckens, der Ohnmacht und der Qual? Gnadenlos und vernichtend? Und bin ich diesem Ort in diesem Moment näher als gedacht? Mehr noch: War ich mittendrin?

Ich spüre jeden Zentimeter meiner Wirbelsäule. Es fühlt sich beinahe so an als wollte sie zerspringen. Rechne jeden Moment mit einem Geräusch ähnlich dem brechenden Holzes. Meine Augen versuchen immer wieder den Punkt auszumachen, von dem aus die dumpfen Töne kommen. Ich winde mich. Auch wenn jeder Versuch, mich aus dieser Situation zu befreien, scheitern wird, so will ich wenigstens meinen Kopf lösen um zu Pascal sehen zu können. Muss ihn sehen. >>Pascal? Was macht ihr mit ihm?<< Es setzt Schläge. Ich kann nicht schreien. Schlucke den Schmerz so tief wie nur möglich. Gefangen in meinem Bauch bäumt er sich auf und lässt mich zusammenbrechen.

[…]


Wir waren das Vieh, das von seinen Schlächtern in die Ecke gedrängt wurde. Es gab keine Möglichkeit zu fliehen. Pascal nahm meine Hand. Sie war kalt und feucht. Sein Puls raste mit meinem um die Wette. Es schien beinahe so, als wollten sie sich in ihrer wahnsinnigen Irrfahrt gegenseitig übertrumpfen. Sein Puls. Mein Puls. Gemeinsame Fahrt in Richtung Abgrund. Rasen um die Wette. Gemeinsam zum Abgrund. Hand in Hand.


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