Lass uns das Schweigen brechen.

„Die Geschichte vom Kokon einer Freundschaft.“


Ich ziehe mir andere Kleidung an und verschwinde kurz ins Bad. Mach schnell. Bloß weg von hier. Raus aus dieser Stille. Ich mache so schnell ich nur kann. Will raus hier. Raus aus diesen vier Wänden. Einfach nur weg von den grauen Karos und hinein in Bennis kleine Welt. Meine Auszeit-Insel. Durchatmen.

Noch ein wenig Parfum auflegen, meine Tasche schnappen und dann los zur Straßenbahnhaltestelle. Ein paar Meter durch die Kälte gelaufen zünde ich mir die nächste Zigarette an. Der Duft des Rauches verbindet sich mit dem meines Parfums. Selbst hier draußen kann ich es wahrnehmen. Es ist eines der wenigen, welches eine Aura besitzt. Es ist süß, vielleicht etwas zu schwer. Duftende Maske. Süßer Nebel. Ein Hauch von Schutz.

Eine Zigarettenlänge braucht es, bis ich die Haltestelle erreicht habe. Die Anzeigetafel signalisiert acht Minuten Wartezeit bis die nächste Bahn fährt. Weitere acht Minuten warten. Bin des Wartens leid. Bin es leid, die Stille zu ertragen. Ich sehe die Straße entlang und hoch zum Himmel, ehe sich mein Blick wieder an der Anzeigetafel verfängt. Die digitale 7 wird zur 6.

Nur wenige Menschen fahren mit mir in Richtung Innenstadt. Ein paar junge Leute, die sich angeregt miteinander unterhalten. Ich sehe aus dem Fenster der Bahn. Sitze in der Nähe der Tür. Am Gang, nicht am Fenster. Fahre an Hausnummer 26 vorbei. Nur wenige Gedanken an ihn. Das blaue Tor zieht an mir vorbei. Kurzer Blick hoch zu seinen Fenstern. Es sind noch drei Stationen bis ich am Anger angekommen bin. Ich steige aus und warte auf die nächste Bahn in Richtung Benni. Ich freue mich auf unser Wiedersehen. So viele Monate sind vergangen, seitdem ich im Frühjahr seine Tür hinter mir zu zog und ihn mit seinen Tränen allein ließ. Oft musste ich daran denken und auch in diesem Moment ist jener Tag präsent wie nie.

Linie sechs kommt, ich steige ein und finde mich in einer wesentlich volleren Bahn wieder. Von neuem beginne ich die Stationen zu zählen. Nicht mehr lang bis zur Lutherkirche. Die Haltestellenansage ist mein Signal zum aussteigen. Nach zwei, drei Minuten zu Fuß stehe ich vor seiner Haustür. Lese seinen Namen am Klingelschild und spüre Aufregung in mir aufsteigen. Kurzes Zögern. Klingeln. Warten. >>Ja, Hallo.<< Es fühlt sich beinahe so an als hätte ich seine Stimme erst gestern gehört. Sie klingt sanft und tief. Ich höre diese zwei Worte und fühle mich wohl. >>Hallo Benni, ich bin’s.<< An die Lautstärke des Türsummers hingegen kann ich mich nicht erinnern. Erschrocken wie ich war entfuhr mir ein knurriges Räuspern.

Ich betrete jenes Haus, welches ich vor vielen Monaten schnellen Schrittes verließ ohne auch nur einen Blick zurück zu wagen. Ich verließ Benni und dieses kleine warme Kontinuum. Bepackt mit Reisetasche und Rucksack lief ich ohne zu überlegen durch die Straßen Erfurts. Und nun bin ich wieder hier. Zeit ist verstrichen und Tränen sind getrocknet. Dieser Hausflur gleicht einem Labyrinth. Ich steige die Stufen bis zur zweiten Etagen hinauf. Oben angekommen blicke ich geradewegs auf die Tür zu Bennis alter Wohnung. In der Zeit unseres Schweigens hat sich auch bei ihm einiges getan. Sein Umzug in eine größere Wohnung ist möglicher Weise auch ein gutes Omen für einen Neuanfang zwischen uns beiden. Die Bindung zwischen unser beider Seelen ist zu kostbar, als dass ich sie verkümmern lassen könnte.

Mein Suchen scheint ihn zu amüsieren. >>Hier bin ich.<< Drei heiter gesprochene Worte. Mein Blick trifft auf Benni. Am Ende des Ganges steht er in der Tür und sieht zu mir. Ihn lächeln zu sehen hilft mir die letzten Meter entspannter auf ihn zuzugehen. >>Es ist und bleibt ein Labyrinth!<< Kaum habe ich meinen Satz gesprochen, stehe ich  auch schon unmittelbar vor ihm. Ein Lächeln von ihm. Ein Lächeln von mir. Ich betrete seine Wohnung, er schließt die Tür und wir umarmen uns. Er drückt mich fest an sich. Sein Körper wärmt mich und hüllt mich ein in wohltuende Geborgenheit. Ich bin da.

Bin so froh, den Weg zu ihm gefunden zu haben. Diese Freundschaft besitzt ein ganz eigenes Wesen. Ganz eigene Wärme. Ganz Benni.

[…]

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