Odyssee.

Die Trennung von Alexander führte mich in meine ganz persönliche Odyssee. Eine Unruhe und Rastlosigkeit, die mich von Bett zu Bett, von Mann zu Mann und von Ort zu Ort trieb. Am Anfang dieser Odyssee stand Benni. Er nahm mich auf, empfing mich mit offenen Armen und gab mir Halt. Das Leben fuhr Stück für Stück zurück unter meine Haut. Er hielt mich in seinen Armen, als ich zu nichts mehr imstande war. Zu groß war das Chaos in meinem Kopf und zu sehr war ich mit all den offenen Fragen der letzten Wochen und Monate beschäftigt. Chaos, das meine Verbindung zur Außenwelt kappte, mich isolierte und mir jegliches Gefühl für gut und schlecht raubte. Benni gab mir Kraft und seine Liebe, ohne Erwiderung zu fordern. Er forderte rein gar nichts. Er schuf ein Kontinuum, das mir gut und dennoch so weh tat. Ich fühlte seinen Herzschlag und ich fühlte seine Zuneigung zu mir. Ich fühlte einfach zu viel nach all der Kälte in den vergangenen Monaten. Vielleicht hätte ich lernen können, es zu ertragen. Vielleicht hätte ich lernen können, seine Liebe zu leben. Vielleicht hätte ich bei ihm bleiben sollen. Ich konnte es wohl einfach nicht. So zog ich weiter. Setzte meine Flucht fort. Bennis Kontinuum war nur der Anfang. Niemand trat die Bremse. Wie auch, wenn nicht einmal ich wusste, was da mit mir passierte. De facto war ich obdachlos. Vertrieben von dem Ort, an dem ich mich bis vor kurzem noch so sicher fühlte. Ob freiwillig oder unfreiwillig, niemand kann diese Frage beantworten, nicht einmal ich bin bis zum jetzigen Zeitpunkt in der Lage, diese Frage auch nur ansatzweise zu klären. In den vier Wänden, die einmal sein und mein Zuhause waren hielt ich es unter keinen Umständen mehr aus. Die Atmosphäre war bedrückend in dieser Wohnung, die Luft schien mir zu dick um sie atmen zu können und für mich kam jede Bewegung einem Spießrutenlauf gleich. Das Kribbeln auf der Haut von früher war gewichen und machte nun Platz für ein anderes Gefühl. Unbehagen machte sich in mir breit. Das Licht in diesen Räumen war nun ein anderes und hatte seine Farbe gewechselt.

Was also brachte mich dazu, diese Schiene zu fahren? Warum um alles in der Welt packte ich meine Reisetasche und verließ die Wohnung, die doch eigentlich mein Zuhause war? Weil ich es nicht ertragen konnte? Weil ich ihn nicht mehr ertragen konnte? Ich packte und ging freiwillig ins Ungewisse. Auf die Straße. Von Mann zu Mann. Unbedingte Flucht. War es nicht der Gedanke daran, dass er mit anderen schlief, der mich fast in den Wahnsinn trieb.  Der Gedanke  daran, ersetzt zu werden. Einfach so. Ich fühlte mich ausgetauscht, umgetauscht, abgestellt. War es nicht dieser Gedanke, der diesem Zuhause den Todesstoß versetzte und mich hinaus schickte. Hinaus ins Chaos. Er blieb im Warmen und ich begann zu frieren.

Wer hätte je geahnt, dass ich diese Reisetasche für vier ganze Monate als mein Zuhause betrachten würde. Vier Monate unterwegs. Vier Monate Odyssee. Meine Gedanken gehörten Alexander und mein Körper Männern bei denen ich Unterschlupf fand. Sie bildeten keine Einheit. Eher kämpften sie gegeneinander. Nicht zu vergleichen mit dem Kampf David gegen Goliath. Kein Kampf Gut gegen Böse. Hier kämpfte ein Übel gegen das andere. Das Gute blieb verborgen. Auch wenn ich manchmal meinte einen Hauch Gutes entdeckt zu haben. Wenn es denn so war, so verflüchtigte er sich so rasch wie er gekommen war. Es blieb also bei einem Hauch. Nichts weiter. Am Ende bin ich mir sicher, dass mein Sehnen und mein Wunsch nach einer guten Wendung in meinem Leben mich dazu brachte, einem Trugbild zu erliegen. Ich drehte mich im Kreis. War getrieben vom Ruf nach männlichem Pflaster auf meine Wunde und ohne nachzudenken klebte ich eins auf das andere. Ich trieb dieses Spiel nach Gefühl und ohne nachzudenken. Trieb es, bis ich mich ausgeklebt hatte.

Meine Odyssee hinterließ einige Visitenkarten, so viel war klar.

[…]

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