Ein guter Mann-Ersatz.

Zeit für mich wurde zu einem Puffer zwischen den Dates. Was für eine grandiose Reduzierung meiner selbst. Entweder ich schrieb oder aber ich traf Vorbereitungen für den nächsten Mann. Dazwischen gab es nicht viel. Eigentlich gab es da gar nichts.

Es war an der Zeit, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Es war an der Zeit für einen kalten Entzug. Den zweiten. Den Alkohol hatte ich bereits besiegt. Würde mir das auch in Bezug auf das Endlos-Daten gelingen? Dreht sich nicht jede Abhängigkeit um nur einen wirklichen Grund ihrer Existenz? Ist es nicht der Versuch dem Alltag zu entfliehen? Einem grauen Alltag. Sorgenvoll und schwer zu ertragen. Tag für Tag ein Kampf aufs Neue. Nichts anderes war es bei mir. Nichts anderes war es in Zeiten meiner Therapie. Bis ich begriff, dass ich diesen Weg zu gehen habe. Zwischenstopps, wie ich sie nenne, verlängern nur die Reise und verzögern letzten Endes ein Ankommen. Ganz gleich welcher Art. Ganz gleich ob Alkohol oder Sex, für Zwischenstopps war eigentlich keine Zeit. Etwas anderes musste sich finden lassen. Nichts betäubendes und auch nichts verruchtes. Ein Ventil ohne negative Nebenwirkungen. Die Zeit war reif für eine neuerliche Veränderung in Sachen Chaosbeseitigung.

Während mir der Alkohol eine Erleichterung verschaffte, indem er mich für ein paar Stunden betäubte und mich die Männer hingegen mit der Droge ‚Bestätigung‘ versorgten, war ich nun erneut auf der Suche nach einem geeigneten Mittel, um das Leben zu spüren. So fiel meine Wahl auf den Sport. Wettkampf zwischen mir und meinem Körper. Reinigung. Ventil. Wie auch immer man diesen „Mann-Ersatz“ bezeichnen will. Fakt ist, er hat Druck von mir genommen und mich in vielerlei Hinsicht auf meinem Weg bestärkt. Liefen die Gedanken Amok, so legte ich mich auf die Matte. Kam ich beim Schreiben dieses Buches und gleichwohl mit meiner Therapie nicht mehr voran, so legte ich mich auf die Matte. Und auch wenn mich die Einsamkeit überfiel, griff ich zu meiner sportlichen Geheimwaffe. Sport war mein Allroundtalent. Nicht zuletzt, weil sich aufgrund meines Kampfes gegen meinen Körper und gegen meine Gedanken auch meine Figur veränderte. Ein positives Abfallprodukt, welches mein gänzlich verschwundenes Selbstbewusstsein wieder zum Leben erweckte und allmählich immer stärker werden ließ. Das war Balsam auf meiner Seele. Egal aus welcher Situation heraus, der Sport verhalf mir dazu wieder runterzukommen und wieder frei atmen zu können. Und er war der Vorhang, der das blaue Tor ein für alle mal in den Schatte drängte.

Ich konzentriere mich nur noch auf meine Muskeln, die sich in diesem Moment anspannen. Spüre wie sie wärmer und wärmer werden. Spüre wie sie sich bewegen. Dieses Spiel treibe ich nahezu täglich. Während ich auf dem Boden lag und meine Übungen machte, jagten mir die unterschiedlichsten Bilder durch den Kopf. Ausschnitte aus meiner Vergangenheit zogen an mir vorüber wie der Trailer eines längst vergangenen Kinofilms. Diese Bilder trieben mich an oder bremsten mich ab. Abhängig von deren Intensität und deren Last, die ich mit Ihnen in Verbindung brachte. Woche um Woche verging. Ich schwitzte und stöhnte täglich. Ganz gleich ob hier bei mir, in dieser Wohngemeinschaft, die keine war, oder aber bei meinen Eltern, in meinem ehemaligen Zimmer. Ein Tag ohne Sport war ein verlorener Tag. Mitunter ließ mich die Gewissheit darüber, den Sport vernachlässigt zu haben keinen Schlaf finden. Doch so weit ließ ich es so gut wie nie kommen. Dafür war ich zu süchtig nach der Atemlosigkeit. Süchtig danach, meinen Körper bezwingen zu können. Bis zur totalen Erschöpfung.

[…]

„Die Männer brachten ein Geschenk namens Gesellschaft mit sich und als sie wieder gingen, ging auch dieses Geschenk mit ihnen. Es war nie mehr als eine Stippvisite.“


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