Gift

Ich wache auf und schnappe nach Luft. Der Schock sitzt tief in meiner Brust. Hastig tastet meine Hand nach der Lampe neben meinem Bett. Ich mache das Licht an. Ich konzentriere mich auf die Geräusche um mich herum. Nichts. Mein Blick wandert durch mein Zimmer. Alles ruhig. Hektisch schlage ich die Bettdecke zurück, schlüpfe in meine Hausschuhe und gehe in den Flur. Mein Körper ist ganz steif. Ich bleibe stehen und sehe zur Tür. Mein Blick wandert von der Türklinke zum Schlüssel. Ich atme ganz flach. Kein Geräusch. Alles ganz friedlich. Wieder der Griff nach dem Schlüssel.

Ich muss wissen, ob sie wirklich zu ist.

Ich drehe den Schlüssel bis zum Anschlag und drücke gleichzeitig gegen die Tür. Das Sicherheitsschloss auf Augenhöhe. Der Bolzen ist zu sehen. Alles  zu.  Es  ist  alles  in  Ordnung.  Du  schiebst  P a r a n o i a.  Du  hast   nur  geträumt.  Nur  ein  Traum. Nichts weiter. Alles schien in Ordnung zu sein. Ich war allein. Wie sollte er auch in die Wohnung kommen. Der Schlüsseldienst war da, hat mir ein neues Schloss eingebaut und er sitzt im Knast. Er kann hier nicht auftauchen. Doch meine Gedanken schlagen Purzelbäume. Was machst du, wenn er wieder draußen ist? Ob er sich rächen will? Hast du dann noch eine ruhige Minute? Ich saß in der Küche, das Fenster weit geöffnet und starrte in den Nachthimmel. Noch  eine  Zigarette,  dann  gehst  du   wieder  ins  Bett. Nach drei, vier Zügen drückte ich die Zigarette aus und kippte das Fenster an. Es kann nichts passieren. Das Fenster liegt auf der Hofseite, ich wohne im Obergeschoss. Was soll falsch daran sein, das Fenster offen zu lassen? Noch ein Kontrollgang durch die Wohnung. Ein Blick ins Arbeitszimmer. Dann weiter in SEIN Zimmer. Ich bekomme Gänsehaut, fange an zu zittern. Alles hier riecht nach ihm. Riecht nach Feind. Alles hier ist er. Habe mit einem Bluthund unter einem Dach gelebt. Ich verschließe die Tür. Noch kurz ins Bad und dann wieder ins Bett. Ich ging zurück in mein Zimmer, schob einen Finger zwischen die Lamellen meiner Jalousie und warf einen Blick auf die Straße. Alles ruhig. Keine Menschenseele zu sehen. Ich legte mich wieder hin, ließ das Licht noch eine Weile brennen und hing meinen Gedanken nach. Schlaf würde mir gut tun, doch was ist, wenn ich wieder in diesem Traum gefangen bin? Was ist, wenn ich das Messer wieder aufblitzen sehe? Nur die Angst, ihm wieder gegenüberstehen zu müssen ist noch größer, als die Angst vor diesem Albtraum. Viele Wochen sind seitdem vergangen und ich frage mich, wie viel Zeit noch vergehen wird, bis ich endlich wieder in mein normales Leben zurückfinde. Meine Hand greift zur Lampe rüber. Ich knipse das Licht aus. Dunkel. Nacht. Alles still.  Du  bist  in  Sicherheit.  Versuche  zu  schlafen.

Keine Ahnung wie ich es geschafft habe, doch ich fand in den Schlaf zurück. Ich kann mich nicht mehr erinnern, von was ich träumte, als plötzlich ein lautes Kratzen durch die Wohnung fuhr. Mein Schlaf war sehr leicht. Ich riss meine Augen auf. Alles Dunkel. Gespannte Ruhe. Nichts zu hören. Ich setze mich auf, neige meinen Kopf in Richtung der Tür. Mein Herz rast. Was  war  das?  Das  hast  du  bestimmt  nur geträumt! Dann wieder, aus heiterem Himmel, ein Kratzen. Es kommt von der Tür. Also doch! Das  ist  kein  Traum. Jemand  ist  an  deiner  Tür. Beim Aufstehen versuchte ich, keinen Laut von mir zu geben. Verhielt mich ganz leise. Doch von Ruhe keine Spur, Panik stieg in mir auf. In meinem Kopf herrschte ein Vakuum. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Was  machst  du  jetzt? Ich stand mitten in meinem Zimmer und traute mich nicht auch nur einen Schritt zu tun. Ich war hilflos und saß in der Falle. Er  kann  es  nicht  sein,  er  sitzt  im  Knast.  Aber  wer  sollte  es  sonst  sein? Wieder dieses Geräusch. Wieder dieses Kratzen. Ich stand wie ich stand. War völlig erstarrt. Dann, plötzlich war alles still. Ich hörte flüsternde Stimmen. Er  ist  nicht  allein. Er  hat  Verstärkung  mitgebracht. Mir wurde schlecht. Ein Brennen stieg in meiner Kehle auf. Ich musste irgendetwas tun. Mach  was!  Die  darfst  du  nicht  hier  rein lassen. Das Telefon stand im Arbeitszimmer, am anderen Ende der Wohnung. Ich muss also durch den Flur und direkt an dieser Tür vorbei. Ich nahm allen Mut zusammen und schlich in den Flur. Blieb stehen. Konzentrierte mich voll und ganz auf die Tür. Es ist dunkel. Dennoch versuchte ich etwas zu sehen. Kniff beide Augen zusammen, wollte mich vergewissern, dass die Tür auch noch geschlossen ist. Die Panik in mir ließ die Atemluft in meinen Bronchien rasseln. Mir war heiß. Die Füße kleben auf dem Laminat. Schweißperlen stehen auf meiner Stirn. Wie gebannt stehe ich im Flur und sehe zur Tür. Wach  endlich  auf.  Zum  Telefon.  Schnell.  Bevor  alles   zu  spät  ist! Ich musste mich zwingen, meinen Blick von der Tür abzuwenden. Versuchte mich an die Notrufnummer zu erinnern. Blankes Chaos in meinem Kopf. Ich zitterte am ganzen Körper. Angst, pure Angst um mein Leben. Kampf ums Überleben. Was, wenn er es tatsächlich ist, der da vor meiner Tür steht. Wenn er gekommen ist, um mir etwas anzutun. Er  kann  es  nicht   sein!  Er  darf  es  nicht  sein. Dort  darf überhaupt niemand sein! Ein Knacken. Jemand macht sich am Schloss zu schaffen. Dann ein leises Geräusch. Fast so, als drücke jemand die Klinke nach unten. Das Telefon steht vor mir. Ich kann die Tasten nicht erkennen. Du  darfst  kein  Licht  anmachen.  Dann  wissen  die  gleich  wo  du  bist! Ich versuche mit meinem Finger die richtigen Tasten zu finden. Es wählt. Die Stimme eines Mannes. Ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. Meine Stimme zittert und klingt heiser. >>Ich brauche Hilfe. Jemand ist vor meiner Tür.<< Keine Reaktion am anderen Ende der Leitung. Da ist niemand. Die Leitung ist tot. Tot. Die haben das gemacht. Sie sind hier. Ich bin nicht mehr allein. Den Hörer noch immer in der Hand haltend stehe ich im Dunkeln. Luft strömt heiß durch meine Lungen. Jedes Zwinkern verursacht ein Brennen in meinen Augen. Fast so, als ob ich mit einem heißen Tuch über die geöffneten Augen wische. Dann eine Stimme, ganz nah. >>Dachtest du wirklich, du könntest das hier überstehen?<< Das ist nicht seine Stimme. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich bringe keinen Laut über die Lippen.  Die  sind  im  Flur.  Ich  kann  sie hören. Dann eine andere Stimme. Sie scheint aus meinem Zimmer zu kommen. Die haben es auf dich abgesehen. >>Willst du uns nichts zu trinken anbieten. Du hast Besuch.<< Die Tonlage traf mich immer härter. Es war beinahe so, als würden sie mich mit ihren harten Stimmen bewerfen, als würden sie auf mich zielen. Und sie trafen! >>Behandelt man so etwa seinen Besuch? Mmh?<< Ich suche verzweifelt nach einem Ausweg. Will nur noch weg. Nichts wie fort von hier. Diesmal bin ich keine acht Jahre alt und diesmal gehen auch nicht die Türen eines Busses auf. Hier wird mir auch niemand zur Hilfe kommen. Ich bin auf mich allein gestellt. Wie soll ich hier herauskommen? Wie? Verdammt! Wie soll ich das  anstellen?  Ich  komme  hier  nicht  raus. Mir dreht sich der Magen um. Ein starkes Stechen zieht sich vom Nacken bis zu den Schläfen. Ich erkenne die Konturen des Schreibtisches. Was würde dieser kleine Junge  tun, wäre er in dieser Situation? So leise wie nur irgend möglich ziehe ich den Drehstuhl vom Schreibtisch weg. Krieche in die Nische und ziehe den Stuhl ganz dicht an mich heran. Es  wird  nicht   funktionieren. Die  finden  mich.  Was  mache  ich  hier? Dann wieder ein Geräusch. Jemand schließt die Tür. Ich kann den Schlüssel klappern  hören. Das Licht geht an. Erst im Flur. Dann hier in diesem Zimmer. Dort wo ich mich verstecke. Grelles Licht. Schritte. Stimmen. Schritte. Sie sind da, kommen direkt auf mich zu. Ich kann ihre Schritte hören, sie kommen näher. Traue mich kaum zu atmen. Alles still. Ich kann sie spüren. Sehe ihre Füße. Ich erstarre vor Angst. Du  kannst  dich  nicht  verstecken.  Die  werden  dich  finden.  Sind  schon  so  nah. Eine Hand legt sich auf die Lehne des Stuhls. Ich halte den Atem an. Der Stuhl bewegt sich. Wird zurückgezogen. Die können  dich  sehen.  Du  bist  aufgeflogen. Alles vorbei.

[…]


„Zusammengerollt wie ein Fötus.“

„Meine Tarnung hatte versagt und nun sah ich ihre Gesichter. Hart und ohne Regung.“

„Eine der Narben auf meiner Seele trägt die Konturen einer schwarzen Lilie.“

„Diese Nacht war das erste Kind des Bösen. Doch ich kann sie noch riechen und ich weiß um den Geschmack ihrer Haut.“

„Zwei Männer, deren Ziel es war mich zu brechen. Zwei Männer, die mich nicht aus freien Stücken heimsuchten. Das hier war keine Warnung. Das hier war eine weitere Waffe, die er mich spüren ließ. Und auch sie bohrte sich in meinen Körper. Nur floss kein Blut. Es flossen Tränen.“

„Am nächsten Morgen wurde ich wach und ich sah die Spuren dieser Nacht um mich herum.“


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