Freier.

Große, prächtige Limousinen fuhren vor. Langsam, ganz langsam.  S c h r i t t g e s c h w i n d i g k e i t. Sie wussten wo ich stand. Dafür wurde gesorgt. Ricardo arrangierte diese Treffen, er rief mich kurz an, gab mir die nötigen Informationen und ich wusste was ich zu tun hatte. Organisieren konnte er und er verstand was von diesem ‚Geschäft‘. Er verstand es auch mich unter Druck zu setzen, hielt mich in seiner Hand und ließ mich nicht mehr los. Ich wusste mich auf diese Treffen vorzubereiten und ich wusste wie man eine Maske aufsetzt. Nichts anmerken lassen. Den Ekel verbergen. Keinen Unmut dieser Männer auf dich ziehen. Am Anfang und am Ende steht immer ein und dieselbe Person. Am Anfang und am Ende ist es immer Ricardo. Und ich wusste wie ich von diesem Ort fliehen konnte. Nicht vor den Männern in den Limousinen, nein, eher vor Ricardos Feinden. Was die Männer betrifft, so lernt man auf eine andere Art zu verschwinden, man lernt aus seinem eigenen Körper zu schlüpfen. Kein Gefühl, kein Leben, nur die leere Hülle bleibt zurück. Doch es gelang mir nicht immer mich vor ihren Übergriffen zu schützen. Nicht immer war der Weg frei um zu fliehen. Und nie gefiel mir was zwischen denen und mir passierte. Es ist als würde einem die Seele aus dem Körper gefickt. Das trifft es wohl am ehesten. Andere Worte gibt es nicht dafür. Eigentlich gibt es gar keinen Ausdruck für diesen Mist. Kein mir bekanntes Wort konnte dem gerecht werden.

Hotel um Hotel. Mann um Mann und Maske um Maske. Nichts worauf ich stolz sein könnte. Und dennoch eine große Herausforderung. Dies war kein Spiel. Es geschah nicht freiwillig. Sich hängen zu lassen hätte weitreichende und schmerzhafte Konsequenzen nach sich gezogen. Eine Lösung war nicht in Sicht. Welche sollte es auch geben? Die Polizei, dein Freund und Helfer? Ich musste mit ansehen was passiert, wenn es einer von uns wagt diesen Schritt zu tun. Untertauchen? Keine Chance. Sie finden dich. Kein Zweifel. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht gelingt es dir sogar ein Jahr oder länger von der Bildfläche zu verschwinden. Aber sie finden dich. Irgendwann. Irgendwo. Ganz gleich. Du wirst die ganze Zeit ihre Drohungen hören. Du wirst Angst haben. Angst, nicht so sehr um dich selbst, vielmehr Angst um deine Familie, deine Eltern und auch um deine Freunde. Die Angst wird dir also ständig im Nacken sitzen. Sie wird dir ins Ohr flüstern. Tag und Nacht wird sie dir das Lied der Jagd ins Ohr säuseln. Wie lang kann man so etwas aushalten? Und selbst wenn es dir irgendwie gelingen sollte, so ist das Leben unter ständiger Angst entdeckt zu werden nicht viel mehr wert als jenes in ‚Sklaverei‘. Es bleibt ein Leben unter ständiger Bedrohung. Solange du allerdings Sklave bist kommt dir das Risiko kalkulierbarer vor.

Also sah ich zu mit all dem fertig zu werden. Irgendwie musste es gelingen. Es musste. Ich hatte keine Wahl.

Ich entschied mich für das Rollenspiel. Nicht bewusst. Doch irgendwie fand ich mich in einer Theateraufführung wieder. Die Kulissen änderten sich und jeder Kulissenwechsel erforderte auch das Einfinden der Hauptperson in die neue Szene. Am Anfang viel mir dieses Switchen äußerst schwer. Ich haderte mit mir. Ich haderte mit meinen Kunden. Haderte mit meinem Schicksal und nicht minder mit meiner Schwäche. Ich fügte mich. Reagieren statt agieren. Auch wenn es schlagkräftige Argumente für mein Verhalten gab, so war es doch ein Stillhalten und Ausharren. Anfangs! Doch mit der Zeit wurde mir bewusst, dass ich diese Schiene nicht lange würde fahren können. Zu groß war die Gefahr, dass ich mich selbst bei dem was ich tat verliere. Trotz dieser Hilflosigkeit musste ich versuchen aktiv zu werden. Wenn ich schon auf dieser Bühne stehen musste, so konnte ich wenigstens versuchen die Szenen zu beeinflussen. Konnte versuchen jede Szene mit einer Rolle zu verbinden. Und jede einzelne dieser Rollen authentisch zu leben. Nur so lang bis der Vorhang fallen würde.

War Professionalität mein Schutzschild? War dies der Grund dafür, dass ich all diesen Dreck überstanden habe? Auch wenn er das Haftenbleiben für lange Zeit nicht verhindern konnte. War ich am Ende nicht professionell genug, da es mich schließlich doch innerlich zerriss?

Ich war ein Spielzeug für diese Männer. Spielzeug mit Doppelleben. Die Macht spielte mit mir und auch das Geld. Und dieses Spiel verstand ich mit der Zeit sehr gut zu spielen. In mein Schicksal und in meine Rolle gefügt ließ ich geschehen was unumgänglich war. Mein Verhältnis zur Politik, zur Wirtschaft und zur so genannten Prominenz ist kein nüchternes. Es ist mir nicht möglich unbefangen auf diese Gesellschaft und auf deren Kreise zu blicken. Tageszeitungen und Nachrichten sind für mich tabu. Es käme in gewisser Weise einem Wiedersehen gleich. Ein Wiedersehen unfreiwilliger Natur. Keines, das mir Freude bereiten würde. Nur jetzt habe ich endlich die Macht dem ganzen Treiben einen Riegel vorzuschieben. Mir ist es nun möglich meinen Blick abzuwenden und mich den Bildern und Schlagzeilen so gut es nur geht zu entziehen. Es gelingt mir nicht immer Augen und Ohren geschlossen zu halten. Ganz gleich ob es sich nun um Gesprächsfetzen von Passanten auf der Straße, im Supermarkt oder an einem anderen beliebigen Ort handelt. Oder ob es die Zeitschriftenauslage im Bahnhof oder Flughafen ist. Sich vollkommen zu entziehen ist gänzlich unmöglich. Doch die Distanz zu diesen Männern, deren Bildern und allem was sie umgibt wird größer.

Ich bin nicht länger das Spielzeug eines Politikers oder das eines Managers oder das irgendeiner anderen Person aus dem öffentlichen Leben. Auch muss ich keinen Spielregeln von Männern mehr befolgen, die in Milieus verkehren, in denen es weder Skrupel gibt, noch Mensch und Leben geachtet werden. Muss sie nicht mehr sehen, fühlen und riechen. Doch meine Gedanken machen sich noch heute auf die Reise an die Orte des Maskenspiels. Diese Orte sind es, die mich bis heute in ihren Bann ziehen.

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