Ich gehe durch das Eingangstor des Friedhofes,

 

laufe die Auffahrt hinauf und mein Blick streift über die Gräber. Ich laufe an ihnen vorbei und rieche die feuchte Luft, die Erde, das Grün der Bäume. Den Geruch feuchter Erde habe ich früher mit Omas Garten assoziiert und nun bindet er mich an diesen Ort. Die Zeit bekommt hier eine andere Bedeutung. Ich laufe und sehe die Gräber. Ich bin zu Besuch.

In Gedanken spreche ich mit meinen Großmüttern. Mit Oma Eleonore mehr als mit Oma Irmgard. Es war einfach eine andere Liebe die mich mit Oma Lore verband. Vielleicht sogar eine tiefere Liebe. Die Verbundenheit war eine andere. Die Wärme war eine andere. Das war irgendwie schon immer so. Keine Ahnung warum. Die Antwort auf diese Frage steckt wahrscheinlich in meinem Innersten. Doch ihr auf den Grund zu gehen bin ich nicht bereit. Noch nicht. Vielleicht bin ich eines Tages bereit mich damit auseinanderzusetzen, möglicherweise werde ich dieser Frage aber auch nicht auf den Grund gehen. Vermutlich gibt es nicht auf jede Frage eine Antwort. Ist es nicht sogar sinnvoll manche Fragen einfach ruhen zu lassen? Ist das Ruhenlassen nicht besser als eine erzwungene Antwort?

Mir gefällt der Gedanke eines emotionalen Spinnennetzes. Er hat mir oft Trost geschenkt und er erklärt mir die verschiedenen Intensitäten von Beziehungen. Im zarten Geflecht der Beziehungen hat jeder Mensch seine ihm eigene Position. Seinen eigenen Ort. Mal liegt dieser Ort näher am Herzen des Architekten und mal ist er ein Stück weit entfernt. Es ist nicht nur Fügung, die darüber entscheidet, an welcher Stelle im Netz eine Person, ein geliebter Mensch, ein Freund oder ein Bekannter landet. Es ist wohl vor allem die Verbundenheit, die man zu einer bestimmten Person empfindet. Aber eben auch eine Frage des Herzens und der Wärme, die die jeweilige Person ausstrahlt. Liebe und Gefühl sind Koordinaten, die den emotionalen Navigator zum Ziel führen. All dies bestimmt die Position im Beziehungsgeflecht. Und all dies kann immer wieder zu Verstrickungen führen. Ganz gleich welcher Couleur. Emotionen sind es, die uns binden oder trennen und sie sind es auch, die mich hier her führen. Hierher an diesen Ort. Ich stehe unter einem großen Baum. Er stand wohl schon längst hier als meine Großmütter noch Kinder waren. Das Gras leuchtet hellgrün und rings um das Gräberfeld stehen und liegen Blumen. Einzeln oder zu Sträußen gebunden. Kerzen brennen hier und da. Ab und an bekommt man das Foto eines Menschen zu Gesicht der ebenfalls hier seine letzte Ruhe gefunden hat. Ich weiß noch wie ich kurz nach Oma Lores Beisetzung ein kleines Gebinde auf diese Wiese legte und ein Gedicht daran befestigt habe. Ein letzter Gruß und ein Flehen zugleich. Verwehungen im Schnee. Das ist der Titel der so viel von dem in sich vereint, was ich damals gefühlt habe und von dem, was mein Herz bis zum heutigen Tag in den Himmel singt. Als achtzehnjähriger schrieb ich diese Zeilen und auch heute, zehn Jahre danach, tragen sie keine geringere Botschaft in sich. Haben nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt. Was die Liebe zu meiner Großmutter anbelangt, so spricht mein Herz noch heute die gleiche Sprache. Das Vermissen und die Sehnsucht sind bis heute ein großes Thema und auch der Schmerz ist noch da. Wenngleich die Intensität eine andere ist. Ich empfinde es als ein Geschenk, zeigt es doch, dass die Liebe uns immer noch verbindet. Manchmal stehe ich vor dem Badspiegel, lehne mich an das Waschbecken und betrachte mein Kinn mit dem Ziel ihres wiederzuerkennen. Ich entdecke Ähnlichkeiten, nicht nur innerliche, auch äußerliche. Entdeckungen, die mich mit Stolz erfüllen und solche, die mich trösten. Diese Ähnlichkeiten sind es, die mir helfen sie nicht nur in kühler Erde begraben zu wissen, sondern sie auch bei mir im warmen Hier und Jetzt zu spüren und zu sehen. Als ein Teil meines Herzens. In dem Wissen, dass es auch ihr Blut ist, welches durch meine Adern fließt. Und nun wohl auch wenn ich in den Spiegel sehe.

Nicht allzu oft stehe ich dort an ihrem Grab. Nun, da ich nicht mehr in Weimar wohne ist es umso seltener geworden. Zudem habe ich bis heute kaum einen Bezug zu diesem Ort. Es fällt mir nicht leicht dort zu stehen und zu akzeptieren, dass sie dort begraben liegen und an diesem Ort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Doch wenn ich dort bin erzähle ich etwas aus meinem Alltag, von meiner Mutter, von meinen Gefühlen, was mich gerade beschäftigt. Aber auch ungeklärte Fragen gehen mir durch den Kopf und in meinen Gedanken stelle ich sie auch. Mit einer Antwort auf diese Fragen ist es so eine Sache. Ich habe das Gefühl gehört zu werden aber die Antwort wird wohl in eine Schublade in meinem Herzen gelegt und diese wird sich erst öffnen, wenn die Zeit dafür reif ist. Irgendwann wird es soweit sein, da bin ich mir sicher.

Auf der Kommode in meinem Zimmer in der Erfurter Wohnung steht das Bild von Oma Lore das sie mir 1996 schenkte. Auf der Rückseite steht ein Spruch von ihr geschrieben:

„Ob reiches Glück Dir zugemessen, ob kummervoll Dein Dasein ist,

die Mutter darfst Du nie vergessen, behalt sie lieb Dein Leben lang,

das ist für sie der schönste Dank.

In Liebe, Deine Oma.“

Das gleiche Bild mit eben diesem Spruch schenkte sie auch meiner Mutter, ihrer Tochter, mit der sie so viel verband. Nicht nur die Liebe zwischen Mutter und Tochter. Auch das Leid des Lebens. Dieses Bild verbindet nicht nur meine Mutter mit meiner Großmutter und auch nicht nur mich mit meiner Großmutter, sondern auch meine Mutter mit mir. Sie hat es uns beiden geschenkt. Sie hat uns ihr Lächeln geschenkt und nun blicken wir beide auf dieses Bild und sie ist bei uns. An manchen Tagen finde ich Trost darin, diese Bilder zu sehen. Doch es gibt auch Tage an denen es immer noch verdammt weh tut. Die Verbitterung über den Verlust wird verschwinden, eines Tages. Der Trost wird bleiben. Und dieses Lächeln und die Erinnerung an sie werden lebendig bleiben.

Auch ein zweites Bild von Oma steht auf meiner Kommode. In einen großen dunkelblauen Rahmen gefasst. Dieses Bild zeigt ein handgezeichnetes Portrait von ihr als junge Frau. Gütig, hübsch, voller Leben, nichts ahnend was ihr im Leben widerfahren würde. Diese zwei Bilder nebeneinander erzählen schon ein Stück weit ihre Geschichte. Die Geschichte eines Lebens. Geschichte einer Entwicklung. Einer jungen Frau, deren Gesicht von einem zufriedenen Lächeln geziert, steht das Bild einer vom Leben gezeichneten alten Frau gegenüber. In ihrem Gesicht liest man so viel mehr. Auch ihr Antlitz ist von einem Lächeln geziert. Doch dieses trägt eine andere Botschaft in sich. Die Botschaft der Güte, der Demut und auch der Dankbarkeit. Ihr Lächeln trägt Liebe in sich. So wird es immer sein. Es wird seinen Glanz nicht verlieren. Nie im Leben. Es trägt das Wissen um die Überraschungen, Gefahren und glücklichen Momente in sich, welche das Leben für uns bereit hält. Jene Art Wissen, welches man nur im Laufe seines Lebens erlangen kann. Gefüttert von Erfahrungen und Begegnungen wächst es heran und je nach dem welchen Tonus diese besitzen, beeinflussen sie den Beigeschmack dieses kostbaren Schatzes. Ein Schatz, der mit nichts aufzuwiegen ist.

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass ihre Bilder verschwimmen und die Erinnerungen verblassen. Ich bekomme fast schon ein schlechtes Gewissen, dass das Leben ohne sie zu einer Form von Normalität geworden ist, die kein Zurück ins alte Leben mehr zulässt. Und doch existieren Tage, an denen ich in der Vergangenheit lebe. Dann rede ich viel mit ihr, sehe sie vor mir und bin mehr bei ihr als bei mir. Jene Tage sind keine verlorenen Tage. Sie tragen nur ein anderes Gewand. Sie tragen mich an einen Ort, der nur für mich sichtbar ist. Und für sie. Dies ist unser beider Ort. Obdach für mein Herz. Pilgerstätte für ihre Seele.

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