You are currently browsing the category archive for the ‘Flaschenpost’ category.


Wozu Ricardo fähig war.

 

Es war bereits dunkel und ab und zu traf ich mich vor ‚Schichtbeginn‘ mit Chris. So auch an diesem letzten Abend. Ein junger Kerl, gerade neunzehn geworden. Ich hätte so gern erlebt, wie er war, bevor das hier alles seinen grausamen Anfang nahm. Nur zu gern hätte ich einen lebensfrohen Chris erlebt. Auch er geriet ungewollt und unfreiwillig in die Fänge dieser Schweine. Er war nicht bereit zu akzeptieren, wie wir alle nicht. Alle Zeichen standen auf Krieg. Hatte er mehr Mut als ich? War er sich über die möglichen Konsequenzen nicht im Klaren oder ignorierte er die Drohungen Ricardos und seiner Lakaien? Oder nahm er das alles in Kauf, weil es letzten Endes nur eines gab was schlimmer war als das hier. Waren es letztlich die Drogen, die ihm den Blick auf die Realität, ja auf das Offensichtliche vernebelten? Drogen, die er nahm um sich zu betäuben. Chemie, die durch seine Adern floss und ihn von dieser Welt stahl. Das einzig Gute, was ihm auf dieser Welt noch geblieben war, war wohl der trügerische Frieden, den ihm dieser Mist bescherte. Ich konnte ihn nicht davon abbringen. Es war keine Frage von Stärke oder Schwäche zu realisieren, dass er mit seinem Leben spielte oder gar den Kampf gegen seine Abhängigkeit aufzunehmen. Hätte er seinen chemischen Frieden nicht gefunden, wäre er wohl noch früher von dieser Welt gegangen. Und auch wenn es hart klingen mag, so stelle ich mir in diesem Moment die Frage, ob es im Nachhinein überhaupt einen Unterschied gemacht hätte. Und selbst wenn, dann wäre ein selbstbestimmter Abgang aus der Hölle unter Umständen der ‚leichtere‘ Weg gewesen. Ganz gleich ob man im Falle eines Selbstmordes von Feigheit oder einem Davonstehlen sprechen mag, für mich stellt sich der letzte ‚selbstbestimmte‘ Akt im Leben eines Menschen anders dar. Letzten Endes gibt es auch hier verschiedene Dimensionen. Aber was Chris betrifft, so hat er zwar bewusst mit seinem Leben gespielt aber den letzten Akt hatte er nicht im Visier. Irgendwo steckte da noch ein Funken Überlebenswillen in ihm, vielleicht sogar Stolz. Und diesen Stolz oder vielmehr das, was davon noch existierte, wollte er bewahren. Wohl auch weil es das einzige war was er noch besaß.

An diesem besagten Abend trafen wir uns. Wir sprachen wie immer über den Ekel als unseren ständigen Begleiter. Sprachen über gewisse Freier. Über deren Vorlieben. Über seinen Wunsch überhaupt nie hier gewesen zu sein. Seine Augen sprachen Bände. Seine Lippen zitterten und seine Nervosität äußerte sich indem er an seinen Fingernägeln kaute. Nach etwa einer halben Stunde bekam ich eine Nachricht auf meinem ‚Diensthandy‘. Ziemlich früh, was für einen Kurztermin sprach. Ich beendete unser Gespräch und wir verabredeten uns für das Ende der Nacht. Ein zweimaliges Klingeln wäre das Zeichen für das ‚Schichtende‘. Ich befolgte die Anweisungen, die mir per Handy mitgeteilt wurden, verabschiedete mich von Chris und verließ das Café nahe dem alten Rathaus. Anweisungen per Handy, deren Inhalt mich über den Treffpunkt, Namen des Kunden, und gewünschte Extras informierte. Doch allein der Name reichte meist schon aus und ich wusste sofort in welche Rolle ich zu schlüpfen hatte. In mir gab es eine Art Aktenschrank und in ihm fanden sich die Profile all dieser Männer wieder. Alles war vertreten. Einer dieser Männer hielt es für das Normalste der Welt sich allen Ernstes Romantik erkaufen zu können. Ich tat was in meiner Macht stand, um ihn zufrieden zu stellen.  Ein anderer hingegen trug stets und ständig eine venezianische Maske. Er schien zur Kälte und Härte erzogen und was er forderte war Härte. Manche dieser Männer strebten ausschließlich sexuelle Befriedigung an, das schloss Praktiken ein, die ich bis heute nicht von mir abwaschen kann. So heiß ich auch dusche, ganz gleich, ich hab noch heute das Gefühl, ich wäre erst gestern mit dem letzten Freier zusammen gewesen. Wieder andere wollten mehr über mich erfahren, sie bestanden darauf mein Leben präsentiert zu bekommen. Wie oft habe ich mir Dinge zusammengereimt, habe die Geschichte eines jungen Mannes erzählt den ich nicht kannte. Dies ist nur ein Auszug aus diesem Aktenschrank. Wie ich schon sagte, alles war vertreten. Und es gab nur wenige Grenzen.

Der Weg von hier bis zum Hauptbahnhof bot genügend Zeit um mir die erforderliche Maske aufsetzen zu können. Ein Prozess, der eine gewisse Zeit in Anspruch nahm.

Gegen Null Uhr morgens war mein Termin vorbei. Die Dusche befreite mich vom Geruch und von den Körperflüssigkeiten des Mannes, mit dem ich zwei Stunden zu verbringen hatte. Zwei Stunden Bühne. Und auch dieses ‚Stück‘ wurde in der Hölle geschrieben. Ich verließ das Hotel und wurde meinem Versprechen an Chris gerecht. Ich wählte seine Nummer, ließ es zweimal klingeln und bekam kurz darauf ein ebensolches als Antwort von ihm. Der Treffpunkt war klar und so machte ich mich auf den Weg dorthin. Ich lief nicht lang bis zu dieser kleinen Bar mitten in der Innenstadt. Eine Träne lief mir die Wange entlang, ich weiß es noch so genau als wäre es gerade eben erst passiert. Diese eine Träne landete auf der Packung Davidoff, die ich gerade in meiner Hand hielt. Ich zog eine Zigarette heraus, zündete sie an und inhalierte tief und kräftig. Diese Scheiße muss aufhören. Irgendwie. Nur wie verdammt? Nur wie? Ich hab’s so satt! Eine Straßenecke weiter sah ich ihn schon stehen. Nervös wie eh und je. Und je näher ich ihm kam desto kaputter wirkte er auf mich. Er schien unheimlich aufgeregt und aufgebracht zu sein. Blickte ständig um sich. Sein Verhalten machte mich nun auch nervös. Ich ließ die Zigarette fallen, sagte kein Wort und nahm ihn in den Arm. Er fand keinen Weg um mit all diesem Dreck klar zu kommen. Vielleicht gab es für ihn auch überhaupt keinen Weg um durchzuhalten. Für ihn hieß es ausschließlich zu fliehen oder zu verrecken. Ihm blieb keine Wahl. Dessen bin ich mir heute noch mehr bewusst als damals. Es schien beinahe so als wollte er unsere Umarmung gar nicht mehr lösen, so fest drückte er sich an mich. Wie ein Schutz suchendes Kind. Er tat das, was ich nur zu gern tun würde. Doch ich musste stark sein. Sein Herz pochte wie wild und sein ganzer Körper schien aus Stein gehauen zu sein, so angespannt war er in diesem Moment. Ich tat das, was meine Mutter tat um mich zu beruhigen als ich noch ein Kind war. Ich begann ihn sanft zu wiegen und obwohl ich zu dieser Zeit selbst nicht daran glauben konnte, so sprach ich ihm Worte ins Ohr, die nicht nur ihn, vielmehr ein Stück weit auch mich beruhigen sollten. >>Alles wird bald wieder gut. Ich verspreche es Dir.<< Kein weiteres Wort kam mir mehr über die Lippen und ihm ebenso wenig. Ich gab ihm ein Versprechen, das ich im Grunde genommen überhaupt nicht halten konnte. Reine Rhetorik, nichts woran ich selbst zu glauben wagte. Wenn man so will war es bereits gebrochen als ich es aussprach.

Ich trank in dieser Nacht noch ein Bier mit Chris. Er sprach davon in den nächsten Tagen verschwinden zu wollen. Vielleicht sogar morgen schon, wenn sich die Gelegenheit bieten würde. >>Ich muss hier raus. Muss hier weg. Ich geh‘ hier ein. Das ist alles nicht richtig. Ich gehöre hier nicht hin. Ich hätte hier nie landen dürfen. In dieser verfickten Scheiße. Ich kotze auf Leipzig und auf diese perversen Dreckschweine.<< Oh Gott, wie oft höre ich seine Worte noch heute. Nachts. Dann wache ich auf, schweißgebadet. Er sagte die Wahrheit und verlieh ihr verdammt nochmal Ausdruck. So sehr, dass nun die Augen aller anderen Gäste in dieser Bar auf uns gerichtet waren und gerade hier in dieser Stadt war ich mir nicht ganz sicher, ob nicht doch in irgendeiner Ecke einer von Ricardos Lakaien saß. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken daran. >>Ich kotze auch auf diesen Mist und ich kotze jeden einzelnen beschissenen Tag. Wer von uns gehört schon hier her? Mmh? Und jetzt lass uns hier verschwinden. Komm.<< Ich sprach so leise, dass selbst ich kaum verstand was ich sagte. Doch er verstand sehr gut, erhob sich, legte das Geld für sein Bier auf den Tisch und verließ mit mir diese Bar. Wenn wir uns trafen trennten sich unsere Wege für gewöhnlich sofort nach dem Verlassen der Bar oder eben des Ortes an dem wir uns trafen. Nie war es die gleiche Bar, nie das gleiche Café oder der gleiche Hinterhof. Doch in dieser Nacht war es anders. Ich beschloss ein Stück weit mit ihm zu gehen, nur um sicher zu gehen, dass er sich wieder fing und sich etwas beruhigte. Zu groß die Angst, dass er etwas Unüberlegtes tun könnte. Er ging wohl den Weg den er immer ging. So zielstrebig und mit gesenktem Kopf. Die Jacke bis oben geschlossen. Die Schultern angezogen. Der Kragen reichte beinahe bis zu seinen Ohren. Mehr oder weniger lief ich mit ihm und eigentlich lief ich nur neben ihm her. Er gab den Weg vor. Stumm. Ich folgte. So wurde es immer stiller um uns herum und keine Menschenseele war mehr zu sehen. Mir war es fast schon zu still. Viel zu still. Beinahe erdrückend. Die Geräusche unserer Schritte schallten durch diese enge Gasse, die wir gerade entlang liefen. Ich hörte Chris atmen, schwere tiefe Stöße, bald so als ob er gerade joggen war oder eine schwere Last mit sich trug. Ich denke es war die Last dieser Stadt. Die Bürde Leipzigs. Das gewichtige Übel, welches Ricardo uns aufbürdete. Das war es wohl, was ihm die Kehle zuschnürte. Er versuchte Frust und Wut und auch Angst von sich zu stoßen, die ohne Frage wie eine zentnerschwere Last auf seiner Brust lagen. Wer wenn nicht ich könnte je verstehen wie es ihm in diesem Augenblick ging. Wie tief seine Verzweiflung saß und wie gefangen er war. Ich sah zu ihm herüber. Seinen Blick stur geradeaus gerichtet schien er wild entschlossen zu sein. Wollte er es tatsächlich wagen? Würde er schon morgen verschwunden sein? Über alle Berge. Könnte er es schaffen? Mit viel Kraft, viel Glück und einem Ziel, das ganz weit weg ist von diesem Ort? Er kniff seine Augen zusammen, fast so als wollte er etwas fixieren. Instinktiv folgte ich seinem Blick und was ich sah ließ ein heftiges Zucken durch meinen Körper schießen. Dieses Zucken war mir vertraut. Da waren sie wieder, meine Angstblitze. Das Kind zuckte auch als es den Alkohol roch und die Aggressionen seines Vaters zu spüren bekam.

Im diffusen Licht der Laternen waren Gesichter nicht zu erkennen und doch war mir klar wer uns da entgegentrat. Diese ganze Situation roch nur zu sehr nach Ricardo. Dies war seine Inszenierung. Das plötzliche Auftauchen seiner Lakaien der Paukenschlag, welcher ein grausames Stück eröffnete. Welche Handlung es haben würde ließ sich nur erahnen. Auch diese Szene wurde dem Fluch dieser Stadt gerecht. Wieder wurden wir unfreiwillig zu Protagonisten einer neuerlichen Geschichte mit miesem Beigeschmack. Wie viel Dreck gilt es noch zu ertragen? Wie lang kann ich das noch aushalten? Fragen die mich quälten. Fragen, die mich in den Wahnsinn trieben. Immer weiter in den Wahnsinn.

Seine Marionetten hatten kein Gefühl, nichts menschliches an sich. Er hielt die Fäden in der Hand und er tat wonach ihm war. Seine Späher hatten uns erwischt. Hier und jetzt. In diesem Moment. In dieser Gasse. Adrenalin schoss durch meine Adern. Mein Blut schien zu kochen. Erregung, die mir keinen Kick gab. Eher jene, die einer aufsteigenden Panik gleichkam.

Ich sah zu Chris. Unsere Blicke trafen sich in einem Moment, in dem uns wohl beiden bewusst war, dass dies eine unheilvolle Begegnung war. Große Gestalten, bullige Männer kamen auf uns zu. Sie waren vor uns und sie waren hinter uns. Verzweifelt suchte ich nach einem Ausweg. Das wilde Durcheinander von Gedanken und Wortfetzen in meinem Kopf verstärkte sich noch mehr als ich die Hilflosigkeit und Ohnmacht in Chris‘ Augen sah. Sein ganzer Körper schien nach Hilfe zu schreien. Nach der helfenden Hand zu suchen. In diesem Moment vermochte mir keine Maske Schutz zu bieten. Ich war von dieser Begegnung, von dieser Situation so überfordert, mein Innerstes so konfus, dass ich es nicht zustande brachte in irgendeiner Weise Schutz zu finden oder gar zu bieten. Schutz aufzubauen, eine Maske zu finden oder auch nur eine einzige von ihnen zu fixieren und zu erkennen. Diese überhaupt ausfindig zu machen. In meinem Kopf herrschte Chaos. Ein wahnsinniges Spektakel. Wie ein Maskenball unter Drogen. Ich bekam nicht eine einzige meiner Masken zu fassen. So stand ich schutzlos in dieser Gasse. Nahezu nackt. So fand sich das Kind in dieser Gasse wieder. Es schien fast so als stünden alle Zeichen auf Sturm in meinem Kopf. ERROR.

Ich war wieder acht Jahre alt. Ich sitze ganz vorn, quasi neben dem Busfahrer. Dann steigt der dicke Mann in den Bus und drängt mich mit seinem massigen Körper gegen das Fenster.

Nun war diese Gasse mein Bus. Ricardos Lakaien wie der dicke Mann. Auch hier keine Chance auf ein Entkommen ohne Hilfe. Und diesmal war keine Hilfe in Sicht. Keine Schutzengel. Keine rettende Hand in letzter Sekunde. Nichts. Ganz Kind. Ganz hilflos. Ganz acht.

Sie kamen näher. Vor uns. Hinter uns. Wir waren das Vieh, das von seinen Schlächtern in die Ecke gedrängt wurde. Es gab keine Möglichkeit zu fliehen. Chris nahm meine Hand. Sie war kalt und feucht. Sein Puls raste mit meinem um die Wette. Es schien beinahe so als wollten sie sich in ihrer wahnsinnigen Irrfahrt gegenseitig übertrumpfen. Sein Puls. Mein Puls. Gemeinsame Fahrt in Richtung Abgrund. Rasen um die Wette. Gemeinsam zum Abgrund. Hand in Hand.

Den größten und massigsten von diesen Schweinen nannte ich Balu. Welch eine Ironie. Dies war kein liebevoll tapsiger Bär. Er war es, der nun direkt vor uns stand. Balu. Einer der Schlächter und die rechte Hand Ricardos. Der Mann fürs Grobe. Einer der sein Geschäft verstand. Einer der seinen Job liebte, seinen Boss liebte und Gewalt lebte. Nie könnte ich die Stunden in diesem Hinterzimmer vergessen. Test. Bewerbungsgespräch ohne zu reden. Ohne Worte. Ganz Hülle. Mehr war ich nicht. Mehr blieb mir nicht übrig. Und nie vergesse ich meine Begegnung mit diesen acht Gesichtern. Denn Balu war es, dem Ricardos Nicken damals ein Zeichen war und die Tür hinter mir schloss als ich diesen Raum betrat. Sein ekelhaftes Grinsen hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt als mein Martyrium begann seinen Anfang zu nehmen. Und dieser Mann ist es, der nun vor mir steht. Vor Chris und mir. Sein fratzenhaftes Gesicht weckte Wut in mir und löste Ekel in mir aus. >>Du hast die Wahl zu gehen, Patrice!<< Seine Stimme war Drohung genug. Doch was er sagte und vor allem wie er es sagte, fachte die Panik in mir nur noch mehr an. Ich hielt Chris‘ Hand noch fester. So fest, dass es weh tat. >>Lasst uns gehen. Es ist nichts passiert.<< Meine Stimme klang zitternd und flehend. So wie es noch heute der Fall ist, wenn ich mich in die Ecke gedrängt oder herausgefordert fühle. Ein Erbe Leipzigs, dass mich noch heute, Jahre später, zeichnet. Mein Magen verkrampfte sich. Ein massives Pochen in meinem Kopf machte es mir unmöglich klar zu denken. Das Kind in mir wollte weinen, es verlangte nach Gnade und suchte vergeblich nach einem Funken Menschlichkeit. Vergeblich.

Was dann geschah löst noch heute Wut, Entsetzen, Panik und ohne Frage noch immer Trauer und Lähmung in mir aus. Balu wandte sich an Chris und schenkte mir keine Beachtung mehr. Als ich das Wort ergriff und das Wort ‚uns‘ aussprach war ihm klar, dass ich nicht vor hatte zu gehen. Kein Zweifel, er beabsichtigte nicht uns gehen zu lassen. >>Chris, Chris, Chris.<< Die Art und Weise wie er seinen Namen aussprach, der Unterton in Balus Stimme und das folgende Schnalzen mit seiner Zunge ließ mich aufs Neue erzittern. Chris selbst stand regungslos da. Er verzog keine Miene stand nahezu apathisch in dieser Gasse. Seine Hand immer noch fest in meiner. >>Du hast also den Wunsch uns zu verlassen!? Das ist ziemlich undankbar von dir, findest du nicht? Wir haben dich aus dem Dreck geholt. Hierher zu uns ins ‚schöne‘ Leipzig. Wir haben dir einen Job besorgt. Wir kümmern uns um dich. Wir behüten dich. Bieten dir Schutz. Wir sind deine Familie! Und nun willst du uns allen Ernstes verlassen? Willst einfach so verschwinden.<< Er sprach langsam. Sein überhebliches Getue löste Ekel in mir aus. Noch immer keine Regung von Chris. In mir stieg Wut auf. Wieso sagt Chris nichts? Was soll das alles? >>Er ist doch hier! Was wollt ihr eigentlich? Er hat nicht vor zu verschwinden!<< Ich versuchte so klar und ruhig wie nur möglich zu sprechen. Einen angemessenen Tonfall gab es nicht. Eigentlich hätte ich überhaupt nichts sagen sollen. Balus Blick gab mir das auch nachdrücklich zu verstehen. Im ersten Moment rechnete ich fest damit die ganze Wucht seines massigen Körpers zu spüren zu bekommen. Doch es geschah nichts. Er ignorierte meine Worte. Sein harter Blick war die einzige Reaktion. >>Hast du doch nicht, Chris! Stimmt doch!<< Ich konnte nicht an mir halten. Irgendetwas musste ich tun. Chris‘ Schweigen machte mich wahnsinnig. Verdammt nochmal warum sagst du nichts? Ich habe vieles zu ertragen gelernt. Doch mit diesem Schweigen konnte ich nicht umgehen. Sollte er nicht versuchen sich irgendwie aus dieser Misere zu befreien? Und sei es mit einer Lüge! Ganz gleich ob diese Schweine ihr Glauben schenken oder nicht. Er hätte es einfach versuchen sollen. War es nicht spätestens jetzt an der Zeit das Schweigen zu brechen? Sag irgendetwas. Kämpfe. Versuche es doch bitte! Selbst wenn es das letzte Mal ist. Aber bleib nicht stumm. Er schaute zu mir, unsicher und ängstlich. Ein junger Mann. Fern ab von dem, was er früher für sein Leben hielt. Fern ab von allem, was man normal nennt. Dieser Ort schien ihm alles genommen zu haben. Freude, Glück, Hoffnung. Zustände, die ihm fremd geworden sind. Die ihm wie aus einer anderen Welt zu sein schienen. Nun schien dieser Ort gänzlich seinen Willen gebrochen zu haben. Nichts schien ihm noch Kraft zu geben. Nichts woran er festhalten könnte. Wohl auch nichts, was ihn dazu gebracht hätte zu kämpfen. Auch nicht in einer derart unheilvollen Situation wie dieser. So stand er nur da, mit versteinerter Miene und verkrampftem Körper. Was hätte er auch tun sollen? Was hätte er ausrichten können? Ich will ehrlich sein. Ehrlich zu mir und ehrlich für ihn. Nichts hätte er tun können um das, was in dieser Gasse geschehen ist zu verhindern oder auch nur zu beeinflussen. Doch er hätte ein letztes Zeichen setzen können. Zeichen, dass er einen starken Willen hat. Dass er einen Überlebenswillen hat. Und auch ein Zeichen, dass er sich bis zuletzt nicht hat brechen lassen. Ob er es nicht konnte oder den Willen einfach nicht mehr besaß wird wohl für immer im Dunklen bleiben. Er gab keine Antwort auf Balus Fragen. Keine Reaktion auf dessen Vorwürfe und Erniedrigungen. Leerer Blick. Hängende Schultern. Tränen stiegen mir in die Augen. Die Unsicherheit darüber, was in den nächsten Minuten passieren könnte machte mich beinahe wahnsinnig.

In dieser Gasse wurde ein Licht ausgelöscht. Hoffnung auf ein freies Leben vernichtend geschlagen. Der Wunsch Liebe leben zu können, Liebe zu erfahren in die Ecke gedrängt. Ohne Entkommen und ohne Chance überleben zu können. Vor meinen Augen wurden die Waffen gewetzt. Bereit zur Schlacht. Meine Knie taten unheimlich weh. Die Pflastersteine waren nass und kalt. Schmerzen zogen sich von Kopf bis zum Steiß. Die dreckigen Hände einer dieser Bestien gruben sich in mein Haar und zogen mich nach hinten. Mit einem Knie in meinem Rücken wurde ich zurückgezogen. Warm und nass lief dickes Blut aus meiner Nase in meinen Mund und weiter mein Kinn herunter. Tropfen lösten sich und fielen auf meine Oberschenkel. Ich konnte die dicken, schweren Tropfen beinahe fallen hören. Das kalte Metall der Handschellen schnitt sich in meine Handgelenke. Kein Fleisch mehr? Nur mehr Knochen? Keine Möglichkeit mich zu befreien. Allein das Atmen ist schon eine Herausforderung. Mein Kehlkopf scheint im Weg zu sein. Ein fetter Kloß in meinem Hals.

Ihm blieb nur der Gedanke an Flucht und die Hoffnung, die er darin setzte. Die Chance, die Gelegenheit zu fliehen bot sich ihm nicht. Die Gasse durch die wir an unserem letzten gemeinsamen Abend liefen erwies sich als eine Sackgasse. Letzter gemeinsamer Ort. Ein letztes Mal gemeinsam. Wir rasten auf den Abgrund zu und er war es der abstürzte. Und ich fand mich in der Rolle desjenigen wieder, der ihm hilflos dabei zusehen musste. Ich konnte nichts für ihn tun. So sehr ich auch wollte.

Nur zu gern hätte ich den nächsten Morgen erlebt, in dem Bewusstsein, dass er sich irgendwo da draußen befand. Irgendwo. Nur nicht hier. Auf sich allein gestellt und vom Kitzel der Flucht getrieben. Scheu und auf der Hut. Stets und ständig mit der Gefahr im Nacken unterwegs erwischt zu werden. Den Spähern in die Arme zu laufen. Jede Minute mit dieser Angst leben zu müssen. Aber am Leben. Wie gern hätte ich ihm auch nur einen einzigen Fluchtversuch gegönnt. Ganz gleich durch welche Widrigkeiten er hätte steuern müssen. Aber allein das Gefühl, das Ruder endlich wieder selbst in die Hand nehmen zu können und es endlich rumreißen zu können hätte ihm schon wieder Auftrieb gegeben. Hätte ihm wieder einen Sinn und einen Grund zu leben geschenkt. Hätte ihn atmen lassen. Und irgendwann vielleicht hätte ich ein kleines Lebenszeichen von ihm erhalten und ich wäre stolz und dankbar gewesen. Denn einer, ja wenigstens einer von uns hätte den Mut bewiesen und seine Freiheit nicht nur erkämpft sondern auch neu entdeckt. Einer von uns hätte sich durch die Dunkelheit gekämpft. Zurück ins Licht und zurück ins Leben gekämpft. Gedanken wie diese sind es, die mir durch den Kopf schießen wenn ich an Chris denke. In letzter Zeit trifte ich ziemlich oft ab und bin in Gedanken bei ihm. Gerade jetzt in dieser Zeit, wo ich diesen ganzen Dreck hinter mir gelassen habe. Gerade jetzt, in einer Zeit des Innehaltens und Verdauens. Diesem jungen Kerl war noch nicht einmal ein Fluchtversuch möglich. Nun bin ich es, der mit viel Glück und unerwarteter Hilfe in einem Garten mitten in Deutschland sitzt und versucht mit dem Erlebten klar zu kommen. Der sich erinnert und sich mit schmerzhaften Erinnerungen quält. Nun bin ich es, der den Weg zurück in die Freiheit gefunden hat. Ich bin es, der im Licht sitzt und der entkommen ist. Nicht er. Nicht Chris. Ich habe das größte Geschenk erhalten, welches die Welt in dieser Zeit für mich bereithalten konnte. Und das nach all der Zeit fernab eines ‚normalen‘ Lebens. Ich hatte mich bereits meinem Schicksal ergeben. Hatte mich dem Schatten gebeugt und gelernt ohne Licht zu leben. So sehr, dass man mich beinahe zur Freiheit hatte zwingen müssen. Denn alles was ich fühlte war Angst. Nichts weiter als nackte Angst die keine Grenzen kannte. Freiheit als neuerliche Bedrohung. Schwer zu verstehen aber so empfand ich tatsächlich.

Für mich wurde der Dreck, wurden die schwarzen Limousinen, die Hotels und die Hingabe meines Körpers zur Normalität. Was für eine Normalität! Ein schlechtes Leben. Und doch mein Leben. Ein neues Leben. Ein anderes Leben. Ein Leben in Gesellschaft und doch kalt und einsam. Leben das mich quälte. Welches mir keine Wahl ließ. Verrecken oder existieren. Schmink dir ab leben zu wollen. Schmink dir ab das leben zu wollen, was sich zu leben lohnt. Das was jeder freie Mensch sich unter ‚Leben‘ vorstellt, was er darunter versteht und auch nicht in Frage stellt.

Wie wundervoll es doch sein muss sich ‚nur‘ mit ‚alltäglichen‘ Sorgen und Problemen auseinanderzusetzen. Wie es sich wohl anfühlt einen ‚gewöhnlichen‘ Alltag zu leben. Ich habe keine Erinnerung mehr daran.

Nun war sie da. Freiheit. Hart erkämpfte Freiheit und vorerst auch nur Freiheit meines Körpers. Doch es ist Freiheit. Frei von Leipzig. Frei von Ricardo. Frei von all den Männern. Frei von Repressalien und Gewalt, welcher Natur auch immer. Es ist schwer zu begreifen wie sich die Dinge entwickelt haben. Das sich mir überhaupt die Möglichkeit bot der dunklen Stadt den Rücken zu kehren und dem Licht entgegen zu gehen. Blendendes Licht. Viel zu grell für entwöhnte Augen. Wie nur damit umgehen? Wie damit fertig werden? Auch ein neues Gefühl von Leben, welches durch meine Adern floss und immer noch fließt. Schwer zu akzeptieren und schwer zu verstehen. Gerade auch weil ich einen hohen Preis zahlen musste. Denn die Möglichkeit zur Flucht aus Leipzig war das Resultat eines tiefen Stiches. Und wieder sehe ich mich die Wohnungstür in der Aurelienstraße aufschließen. Ich öffne die Tür. Sonnenstrahlen lassen das Laminat im Flur erhellen. Widerstand hinter der Tür. Ich mache einen Schritt nach vorn. Ich drehe mich um. Der Widerstand trägt einen Namen, hat eine Fratze und ein Messer.

Er hätte mein Leben beinahe beendet. Ausgelöscht. Und wenn es so gekommen wäre? Oft kam mir der Gedanke, dass er es hätte zu Ende bringen sollen. Glücklich war ich nicht. Ich hing zu dieser Zeit nicht an meinem Leben. Ertragen ließ mich diesen Dreck nur der Gedanke daran, meine Familie zu schützen. Sie schützen zu müssen. Ständiger Kampf um den Erhalt einer Illusion. Illusion von einer heilen Welt. Seifenblase. Es ist ohne Zweifel nur eine Frage der Zeit bis diese platzt. Und was dann? Fakt ist, die heile Welt von damals existiert nicht mehr. Sie ist um Dimensionen gewachsen. Schwer zu beschreiben. Einfach alles ist anders. Ich hatte Jahre Zeit um die Dinge so zu sehen wie sie sind. Jahre in denen ich zu lernen hatte, das Himmel und Hölle so nahe beieinander liegen. Jahre in denen ich begriff, dass sich die Tore zur Hölle verdammt schnell auftun. Zeit, die meine Familie nicht hatte. Sollte nun also ein erneuter Kampf anstehen? Neue Front. Kampf um die Wahrheit. Eine Wahrheit, die ich meiner Familie so lange Zeit schon schuldig bin. Doch laufe ich Gefahr diesen Kampf zu verlieren. Aus Angst und Scham den Mut nicht aufzubringen meine Vergangenheit zu offenbaren und mein neues Ich in die Welt meiner Eltern, in die Welt meiner Familie zu setzen. Ich laufe Gefahr meine Eltern in Verzweiflung und Chaos zu stürzen. Mein Bestreben sie davor zu bewahren aufzugeben. Das Bestreben, welches mich letzten Endes am Leben hielt. Es fühlt sich beinahe so an als würde ich lebenserhaltende Maßnahmen einstellen und darauf hoffen, von selbst lebensfähig zu sein. War der jahrelange Kampf um die Unversehrtheit meiner Familie nicht der letzte Sinn meiner Existenz gewesen. Existenz einer Seifenblase. Gut behütet und umsorgt. Habe ich nicht alles getan um eine Illusion, um eben diese Illusion am Leben zu halten? Was, wenn dieser Sinn noch heute Lebensspender ist? Was, wenn ich es bin, der das was er schützen wollte selbst in den Tod stürzt? Was wenn ich es bin, der seinem Leben aufs Neue einen KO-Schlag versetzt?

Denn auch die Wahrheit über meine Vergangenheit offenzulegen und das große Geheimnis zu lüften wird erneut alles auf den Kopf stellen. Wird mein Leben aufs Neue komplett und radikal verändern. Und diesmal wird mein Schmerz zum Schmerz meiner Familie werden. Am schlimmsten, wenn man überhaupt derartige Gedanken und Ängste auf Papier bannen kann, sitzt mir die Angst um meine Mutter tief im Herzen. All dies wird wie für meinen Vater und auch für den Rest meiner Familie nur schwer zu verstehen und zu verkraften sein, doch das Herz einer Mutter wird bluten wenn sie die Geschichte ihres Kindes erfährt. Nicht über das geschriebene Wort, soviel ist gewiss und so darf es auch unter keinen Umständen passieren. Es braucht Ruhe, einen intimen Raum und nicht zuletzt das Gespräch zwischen Mutter und Sohn.

Es heißt, man soll ein Messer nicht einfach so aus der Wunde ziehen. Es heißt, so verblute man schneller. Die Wahrheit ans Licht zu bringen ist wie das Herausziehen der Klinge. Worauf ich hoffe ist, dass ich nicht allein bin sobald ich es wage diesen letzten Schritt zu tun. Ich hoffe auf einen Partner an meiner Seite der meine Geschichte kennt und akzeptiert. Einen Mann der mir Treue schwört. Einen Mann, der es verdient das größte Geschenk zu erhalten, das zu geben ich überhaupt imstande bin. Ich hoffe auf diesen einen Menschen in der Welt. Und ich hoffe auf meine Familie. Hoffe darauf, dass sie mich eines Tages in ihre Arme schließen wird in dem Bewusstsein, dass ich es bin der überlebt hat. Denn trotz allem ist das Überleben des Kindes das einzige was wirklich zählt. Trotz allem bin ich immer noch das Kind meiner Eltern und der Bruder eines Bruders.

Wie viel Blut werde ich verlieren? Wie viel Schmerz und Kummer erwartet mich aufs Neue? Wie viele Narben werden sich zu denen gesellen, die meine Seele bereits zeichnen? Wundmale auf meiner Seele. Landkarte meiner Qualen. Narben, dich ich wenn überhaupt nur für kurze Zeit verbergen kann.

Ist dies der Grund dafür, dass Männer kommen und Männer gehen? Ist dies der Grund für mein Leben im Überall und Nirgends? Ist es die Angst davor, dass meine Narben entdeckt werden? Halte ich es deshalb nur für kurze Zeit mit einem Mann aus? Doch wie habe ich es dann geschafft eine Beziehung zu einem Mann zu führen, die dreieinhalb Jahre währte. Wo nahm ich die Kraft her? War es denn wirklich mein selbstgestecktes Ultimatum? Einen Versuch wagst du noch! War es mein Wunsch nach einer Illusion? Illusion von einer heilen Welt? Vielleicht war es so. Schon möglich, dass ich mich an ein Wunschbild klammerte und aus Angst es zu verlieren immer fester zudrückte. Doch so sehr ich zudrückte, so sehr gab ich mich für eine Beziehung auf, die meinen Bedürfnissen nicht einmal ansatzweise gerecht werden konnte. Und umso mehr entzog sich mir dieser Mann. Und war sein Verrat an meiner Liebe letztendlich der Urknall. Alles vernichtender Urknall? Stand der Abriss einer Ruine auf dem Plan? Liegt auch hier der Grund für dieses ‚überall und nirgends‘?

Bleibe ich gerade so lange, dass ich immer noch ein Rätzel zurücklasse, wenn die Zeit gekommen ist die Tür hinter mir zu schließen? Werde ich denn je in der Lage sein, mich einem Mann ganz und gar zu offenbaren? Sollte es mir irgendwann ein letztes Mal möglich sein, mein Leben in all seinen Facetten preiszugeben und es in die Hände eines mich liebenden Mannes zu legen? Werden ich die Kraft dazu irgendwann noch einmal aufbringen können? Schmerzende Frage. Bohrende Frage. Und eine der Fragen, auf die mir das Leben eine Antwort schuldig bleibt. Eine Antwort, die ich mehr brauche als alles andere auf der Welt. Ohne Antwort keine Basis. Ohne Basis keine Chance auf ein Leben als ich selbst. Keine Chance auf einen Neuanfang der Erfolg verspricht. Jeder Tag des Wartens, des Suchens und des erneuten Fragestellens ist ein Tag, welcher vergebens gelebt ist. Doch welche Bedeutung kommt dem Vergeblichen zu? Vielleicht sollte ich die Zeit des Wartens und des Suchens als eine Art Vorbereitung begreifen.

Nach Leipzig versuchte ich Trost in der Religion zu finden. Ungeachtet meines Haderns mit Gott. Ich suchte den Kontakt zur Kirche, suchte nach einem neuen Zugang zu Gott oder zu dem was Gott genannt wird. Es gab Treffen mit dem Pfarrer und dem Kaplan. Es ging gar soweit, dass ich mich der versammelten Gemeinde vorstellte, Gebete sprach und das Buch der Bücher geschenkt bekam. Zusammen mit der alten Familienbibel von Oma aus dem Jahre 1900 besitze ich nun vier Exemplare. Ich knüpfte Kontakte zu verschiedenen Klöstern. Eine Zeit lang herrschte ein reger Briefwechsel. Ich bekam warme und gütige Worte zu lesen. Wurde von Brüdern und Prioren eingeladen eine Zeit lang deren Gast zu sein. Mitunter saß ich in Gedanken versunken auf meinem Bett und stellte mir die Frage, ob es denn der richtige Weg sei mich hinter Klostermauern zu verschanzen. Würde ich dort die Kraft finden um meine Seele zu heilen? Wer weiß das schon. Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht, ich habe gekniffen und auch Gebete vermochten mir nicht das zu geben was ich brauchte. Sie schenkten mir keinen nachhaltigen Frieden. So lehnte ich mich an die Schulter eines Mannes und hoffte sein Leben atmen zu können. Kraft gebende Hoffnung. Leben spendend. Ich glaubte meine Basis nun endlich gefunden zu haben und gab mich diesem neuen Leben voll und ganz hin. Gab mich unserer Sache und vor allem ihm voll und ganz hin. Er schien für einen Augenblick mein Ziel gewesen zu sein. Leipzigs Schatten waren auch nach etlichen Monaten immer noch präsent aber ich lernte es auszuhalten und meine einzige mir noch verbliebene Maske gab mir Kraft für diese Beziehung und Kraft für ein Leben in vermeintlicher Freiheit. Doch wirkliche Ruhe, wirklichen Frieden fand ich nie. Ich baute so sehr auf uns und so sehr auf ihn. Glaubte an meine Erlösung durch Liebe. Glaubte an seine Liebe und die Aufrichtigkeit und Tiefe seiner Gefühle. Glaubte daran, dass sie ehrlich und aufrichtig waren. Dass diese Liebe wahrhaftig war. Ich legte alles was ich war in seine Hände. Ich hoffte nur zu sehr endlich gefunden zu haben wonach ich dem Grunde nach schon so viele Jahre suchte. Doch mein Erwachen aus diesem Traum kam plötzlich und ohne Vorankündigung wich die Hoffnung einer tiefen Enttäuschung. Diese kam definitiv einem emotionalen KO-Schlag gleich. Hat mich tief im Innersten ins Wanken gebracht. Ich fühlte mich tot. Alles um mich herum brach ein. Ich war es, der in seinem Elfenbeinturm saß, welcher in jedem Moment zu zerbersten drohte. Die Nacht legte sich um meinen Seelenpalast. Das Land auf dem er einst stand war verschwunden. Land meines Lebens. Nichts war geblieben. Nichts von dem was mir diese Beziehung zu schenken vermochte. Nichts vom neu gefundenen Leben nach meiner Flucht. Nichts Gutes war geblieben. Nur dieser Turm in dem ich mich verschanzte. In dem ich gefangen war. Jede einzelne meiner Tränen schien die Risse im Gemäuer zu verstärken. Jede einzelne von ihnen war Zeugnis der Katastrophe. War Zeugnis des Sieges der Verzweiflung über mein Leben. Zeugnis eines Sieges über mich. Verzweiflung war der Name der Pest die alles hinzuraffen drohte. Es gab nichts worauf ich bauen konnte und keine Wunder auf die ich zu hoffen wagte.

Was mich überleben ließ, war einzig und allein die Wiederbelebung meiner Masken. Neues Spiel. Neuer Kampf. Ich wusste nicht, dass ich schon bald aufs Neue auf eben dieses Spiel mit den Masken angewiesen sein würde. Denn schon bald würde sich Leipzig unerwartet und mit voller Härte in Erinnerung rufen und den Kokon, der mich seit meiner Beziehung zu Alexander umgab, aufreißen. Seine Hülle war bereits angerissen und so war es für Leipzig ein Leichtes ihn ganz zu durchbrechen und mir in seiner ganzen Überlegenheit gegenüberzutreten.


Ich gehe durch das Eingangstor des Friedhofes,

 

laufe die Auffahrt hinauf und mein Blick streift über die Gräber. Ich laufe an ihnen vorbei und rieche die feuchte Luft, die Erde, das Grün der Bäume. Den Geruch feuchter Erde habe ich früher mit Omas Garten assoziiert und nun bindet er mich an diesen Ort. Die Zeit bekommt hier eine andere Bedeutung. Ich laufe und sehe die Gräber. Ich bin zu Besuch.

In Gedanken spreche ich mit meinen Großmüttern. Mit Oma Eleonore mehr als mit Oma Irmgard. Es war einfach eine andere Liebe die mich mit Oma Lore verband. Vielleicht sogar eine tiefere Liebe. Die Verbundenheit war eine andere. Die Wärme war eine andere. Das war irgendwie schon immer so. Keine Ahnung warum. Die Antwort auf diese Frage steckt wahrscheinlich in meinem Innersten. Doch ihr auf den Grund zu gehen bin ich nicht bereit. Noch nicht. Vielleicht bin ich eines Tages bereit mich damit auseinanderzusetzen, möglicherweise werde ich dieser Frage aber auch nicht auf den Grund gehen. Vermutlich gibt es nicht auf jede Frage eine Antwort. Ist es nicht sogar sinnvoll manche Fragen einfach ruhen zu lassen? Ist das Ruhenlassen nicht besser als eine erzwungene Antwort?

Mir gefällt der Gedanke eines emotionalen Spinnennetzes. Er hat mir oft Trost geschenkt und er erklärt mir die verschiedenen Intensitäten von Beziehungen. Im zarten Geflecht der Beziehungen hat jeder Mensch seine ihm eigene Position. Seinen eigenen Ort. Mal liegt dieser Ort näher am Herzen des Architekten und mal ist er ein Stück weit entfernt. Es ist nicht nur Fügung, die darüber entscheidet, an welcher Stelle im Netz eine Person, ein geliebter Mensch, ein Freund oder ein Bekannter landet. Es ist wohl vor allem die Verbundenheit, die man zu einer bestimmten Person empfindet. Aber eben auch eine Frage des Herzens und der Wärme, die die jeweilige Person ausstrahlt. Liebe und Gefühl sind Koordinaten, die den emotionalen Navigator zum Ziel führen. All dies bestimmt die Position im Beziehungsgeflecht. Und all dies kann immer wieder zu Verstrickungen führen. Ganz gleich welcher Couleur. Emotionen sind es, die uns binden oder trennen und sie sind es auch, die mich hier her führen. Hierher an diesen Ort. Ich stehe unter einem großen Baum. Er stand wohl schon längst hier als meine Großmütter noch Kinder waren. Das Gras leuchtet hellgrün und rings um das Gräberfeld stehen und liegen Blumen. Einzeln oder zu Sträußen gebunden. Kerzen brennen hier und da. Ab und an bekommt man das Foto eines Menschen zu Gesicht der ebenfalls hier seine letzte Ruhe gefunden hat. Ich weiß noch wie ich kurz nach Oma Lores Beisetzung ein kleines Gebinde auf diese Wiese legte und ein Gedicht daran befestigt habe. Ein letzter Gruß und ein Flehen zugleich. Verwehungen im Schnee. Das ist der Titel der so viel von dem in sich vereint, was ich damals gefühlt habe und von dem, was mein Herz bis zum heutigen Tag in den Himmel singt. Als achtzehnjähriger schrieb ich diese Zeilen und auch heute, zehn Jahre danach, tragen sie keine geringere Botschaft in sich. Haben nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt. Was die Liebe zu meiner Großmutter anbelangt, so spricht mein Herz noch heute die gleiche Sprache. Das Vermissen und die Sehnsucht sind bis heute ein großes Thema und auch der Schmerz ist noch da. Wenngleich die Intensität eine andere ist. Ich empfinde es als ein Geschenk, zeigt es doch, dass die Liebe uns immer noch verbindet. Manchmal stehe ich vor dem Badspiegel, lehne mich an das Waschbecken und betrachte mein Kinn mit dem Ziel ihres wiederzuerkennen. Ich entdecke Ähnlichkeiten, nicht nur innerliche, auch äußerliche. Entdeckungen, die mich mit Stolz erfüllen und solche, die mich trösten. Diese Ähnlichkeiten sind es, die mir helfen sie nicht nur in kühler Erde begraben zu wissen, sondern sie auch bei mir im warmen Hier und Jetzt zu spüren und zu sehen. Als ein Teil meines Herzens. In dem Wissen, dass es auch ihr Blut ist, welches durch meine Adern fließt. Und nun wohl auch wenn ich in den Spiegel sehe.

Nicht allzu oft stehe ich dort an ihrem Grab. Nun, da ich nicht mehr in Weimar wohne ist es umso seltener geworden. Zudem habe ich bis heute kaum einen Bezug zu diesem Ort. Es fällt mir nicht leicht dort zu stehen und zu akzeptieren, dass sie dort begraben liegen und an diesem Ort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Doch wenn ich dort bin erzähle ich etwas aus meinem Alltag, von meiner Mutter, von meinen Gefühlen, was mich gerade beschäftigt. Aber auch ungeklärte Fragen gehen mir durch den Kopf und in meinen Gedanken stelle ich sie auch. Mit einer Antwort auf diese Fragen ist es so eine Sache. Ich habe das Gefühl gehört zu werden aber die Antwort wird wohl in eine Schublade in meinem Herzen gelegt und diese wird sich erst öffnen, wenn die Zeit dafür reif ist. Irgendwann wird es soweit sein, da bin ich mir sicher.

Auf der Kommode in meinem Zimmer in der Erfurter Wohnung steht das Bild von Oma Lore das sie mir 1996 schenkte. Auf der Rückseite steht ein Spruch von ihr geschrieben:

„Ob reiches Glück Dir zugemessen, ob kummervoll Dein Dasein ist,

die Mutter darfst Du nie vergessen, behalt sie lieb Dein Leben lang,

das ist für sie der schönste Dank.

In Liebe, Deine Oma.“

Das gleiche Bild mit eben diesem Spruch schenkte sie auch meiner Mutter, ihrer Tochter, mit der sie so viel verband. Nicht nur die Liebe zwischen Mutter und Tochter. Auch das Leid des Lebens. Dieses Bild verbindet nicht nur meine Mutter mit meiner Großmutter und auch nicht nur mich mit meiner Großmutter, sondern auch meine Mutter mit mir. Sie hat es uns beiden geschenkt. Sie hat uns ihr Lächeln geschenkt und nun blicken wir beide auf dieses Bild und sie ist bei uns. An manchen Tagen finde ich Trost darin, diese Bilder zu sehen. Doch es gibt auch Tage an denen es immer noch verdammt weh tut. Die Verbitterung über den Verlust wird verschwinden, eines Tages. Der Trost wird bleiben. Und dieses Lächeln und die Erinnerung an sie werden lebendig bleiben.

Auch ein zweites Bild von Oma steht auf meiner Kommode. In einen großen dunkelblauen Rahmen gefasst. Dieses Bild zeigt ein handgezeichnetes Portrait von ihr als junge Frau. Gütig, hübsch, voller Leben, nichts ahnend was ihr im Leben widerfahren würde. Diese zwei Bilder nebeneinander erzählen schon ein Stück weit ihre Geschichte. Die Geschichte eines Lebens. Geschichte einer Entwicklung. Einer jungen Frau, deren Gesicht von einem zufriedenen Lächeln geziert, steht das Bild einer vom Leben gezeichneten alten Frau gegenüber. In ihrem Gesicht liest man so viel mehr. Auch ihr Antlitz ist von einem Lächeln geziert. Doch dieses trägt eine andere Botschaft in sich. Die Botschaft der Güte, der Demut und auch der Dankbarkeit. Ihr Lächeln trägt Liebe in sich. So wird es immer sein. Es wird seinen Glanz nicht verlieren. Nie im Leben. Es trägt das Wissen um die Überraschungen, Gefahren und glücklichen Momente in sich, welche das Leben für uns bereit hält. Jene Art Wissen, welches man nur im Laufe seines Lebens erlangen kann. Gefüttert von Erfahrungen und Begegnungen wächst es heran und je nach dem welchen Tonus diese besitzen, beeinflussen sie den Beigeschmack dieses kostbaren Schatzes. Ein Schatz, der mit nichts aufzuwiegen ist.

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass ihre Bilder verschwimmen und die Erinnerungen verblassen. Ich bekomme fast schon ein schlechtes Gewissen, dass das Leben ohne sie zu einer Form von Normalität geworden ist, die kein Zurück ins alte Leben mehr zulässt. Und doch existieren Tage, an denen ich in der Vergangenheit lebe. Dann rede ich viel mit ihr, sehe sie vor mir und bin mehr bei ihr als bei mir. Jene Tage sind keine verlorenen Tage. Sie tragen nur ein anderes Gewand. Sie tragen mich an einen Ort, der nur für mich sichtbar ist. Und für sie. Dies ist unser beider Ort. Obdach für mein Herz. Pilgerstätte für ihre Seele.


Masken.

Was für eine gute Arbeit leisteten doch diese Masken. Wenn auch tatsächlich nur für die Zeit ihres Einsatzes. Sie blendeten Gefühle aus. Schüchternheit wurde ins Aus verwiesen. Angst wurde mit extrovertiertem Gebaren gekonnt überspielt. Von Buchung zu Buchung hielt immer wieder aufs Neue Professionalität Einzug und unterstützte die Manifestation einer fremden Person. Einer Person, die derart wandelbar war, dass man ohne weiteres von einer Art Schizophrenie sprechen konnte. Es gibt Momente im Leben eines jeden Menschen, in denen er sich wünscht, ein anderes leben zu können. Sich wünscht, jemand anderes zu sein. Wunsch nach einer anderen Rolle auf der Bühne des Lebens. Und es gibt Momente, in denen man gezwungen ist einen Weg zu gehen, der alles andere als normal ist und ohne Frage auch gefährlich sein kann. Hier geht es nicht um den Wunsch nach einem anderen Leben, hier geht es schlichtweg um den Wunsch zu überleben. Dem Willen zu leben. Schizophrenie als Schutz. Doch ohne diesen Schutz wäre mir das Überleben nicht möglich gewesen. Ins Verderben wurde ich bereits getrieben, bin hinein gerannt und nun fand ich nicht mehr heraus. Doch sollte ich mich von einer erzwungenen Existenz, wie sie mir in Leipzig auferlegt wurde, brechen lassen? Nein! Selbst wenn der Faden bereits extrem dünn war, welcher mich mit dem Leben verband und daran festhalten ließ, so war er immerhin noch da. So gab mir dieser einen Hauch von Überlebenswillen, welcher mir diese ungeheure Kraft gab die wohl härteste Zeit und Prüfung meines Lebens zu überstehen. Und meine Strategie, ja, der Weg den ich wählte und den ich einschlug, war gewiss ebenso hart wie der Fakt ‚Leipzig‘ an sich. Trotz allen Übels waren es eben diese Masken, die mein Überleben sicherten. Das Überleben meines Körpers. Jedoch nicht meiner Seele. Mein Seelenheil konnten mir selbst diese Masken nicht garantieren. So perfekt sie mit der Zeit auch wurden, sie vermochten mir keinen absoluten Schutz gewähren. Doch gibt es den überhaupt? Den absoluten Schutz? Nur ein Nein ist als Antwort auf diese Frage zulässig.

Nichts und niemand hätte mir zu dieser Zeit Schutz bieten können. Dies war mein ganz persönlicher Untergang. Schleichend und versteckt. Wem hätte ich mich auch mitteilen sollen? Wer hätte verstanden wie kaputt meine Welt war? Wer hätte es je verstehen können, wer hätte es ertragen? Das was sich meine Welt nannte war etwas ganz anderes. Seelentod auf Raten. Verkauftes Kind. Verlorenes Kind.

Ich trieb mein Maskenspiel zu einer derartigen Perfektion, dass sich innerhalb kürzester Zeit ein Stammkundenring aufbaute. Nie gewollt und nicht geplant. Doch so war es Ricardo unmöglich, mich noch mehr Freiern anzupreisen. Patrice war ausgelastet und wurde zum Zugpferd der ‚Agentur‘. Das Geld floss. Die Gage für mein ‚Rollenspiel‘ spülte Abend für Abend und Nacht für Nacht gewisse Summen in die Kasse. Dieser Umstand stimmte Ricardo zufrieden. So hatte ich zumindest seine Gewalt weniger zu fürchten. Ganz gleich ob es nun die körperliche oder aber die seelische war. Ich hatte also gehorsam zu sein und die erwartete Leistung zu erbringen. Ich war bereit alles zu tun, um die Katastrophe nicht noch größer werden zu lassen. So kam es, dass ich ungewollt ein Pensum setzte, welches Ricardo gefiel und das wohl seiner Grausamkeit einen inspirativen Impuls gab. Indem ich funktionierte wie eine Maschine versuchte ich Druck von mir zu nehmen, mit dem Resultat, dass ich diesen letzten Endes an die Jungs weitergab. Einmal kam mir gar der Gedanke, ich würde sie opfern um mich zu retten. Er begann von den anderen Jungs mehr zu fordern. Mehr Druck war die Folge meiner ‚Vorgabe‘. Ich begann mir Vorwürfe zu machen. Fühlte mich schuldig und für die Jungs mehr und mehr verantwortlich. So kam es, dass ich mir eine weitere Rolle auferlegte. Böse Zungen würden die Bezeichnung ‚Puffmutter‘ wählen. Ich hingegen empfand mich als eine Art Vertrauensperson für die Jungs. Kein bloßer Kummerkasten. Ich hörte ihnen nicht nur zu. Vielmehr war ich bestrebt ihnen in irgendeiner Weise Halt zu geben, Mut zu machen und einfach nur für sie da zu sein. Irgendetwas musste diesen Dreck doch entgegenzustellen sein. Ich versuchte mein Bestes. Und vergaß mich selbst mehr und mehr. Was ich früher war und wer ich früher war geriet mehr und mehr ins Abseits. Mehr und mehr in Vergessenheit. War mein Spiel mit den Masken einfach zu gewagt? Drohten diese Masken und die Rollen, die mit ihnen verknüpft waren, mein wahres Ich ins Abseits zu schieben? Drohte ich den Bezug zu mir selbst zu verlieren? Zu mir? Zum Kind? Es war ganz gleich welche Maske ich wählte oder welche Maske mich wählte, letztlich stülpte sie mir eine neue Haut über. Eine neue Persönlichkeit wurde in mir wachgerüttelt. Doch je mehr dieses teuflische Spiel zu einer Art Gewohnheit wurde, desto mehr lief ich Gefahr die Kontrolle zu verlieren. Und umso schwieriger wurde es für mich, meine wahre Identität wachzurufen oder schlussendlich überhaupt wiederzufinden. Das alles kam einem Spiel mit dem Teufel gleich. Ich ließ mich auf eine Form von Russisch Roulette ein, die einer Demontage meines Innersten gleichkam. Was anfänglich zu meinem Schutz diente wurde nun zu einer Bedrohung, gar zu einer Gefahr. Mein Ziel war es das Kind zu schützen. Mich zu schützen. Den Kern meiner selbst vor Zerstörung zu bewahren. Ein anderer Weg bot sich mir nicht oder ich sah ihn ganz einfach nicht. Leipzig war unbestritten mit Gewalt verbunden. Die Facetten waren derart üppig und die Folgen so katastrophal. Doch letzten Endes war ich es, der das was er schützen wollte ungewollt selbst in Gefahr brachte. Eine andere Form der Gewalt. Jene Form von Gewalt, die sich gegen einen selbst richtet. Um das Wertvollste zu schützen gebar ich Masken. Erzwungen wie alles andere. Geschöpfe der Angst und der Verzweiflung. Doch wie in Gottes Namen sollte ich diese Ketten sprengen? Wie den Weg zu mir selbst zurückfinden? Gab es überhaupt einen Weg zurück? Oder wird es diesen Weg je geben? Wäre das, was eben dieses Zurück offenbaren würde überhaupt zu ertragen? Ein Leben ohne Masken. Darauf verzichten? Auf jede einzelne von ihnen? Wie sollte das überhaupt funktionieren? Ich habe wohl überhaupt keine Vorstellung mehr vom ‚realen‘ Leben. Einem Leben ohne Masken. Leben im Ich und als Ich selbst. Wie auch?

Ich werde mich wohl zwischen zwei Kämpfen entscheiden müssen. Kampf um ein Arrangement zwischen mir und Patrice oder dem Kampf um Offenlegung und dem Vertrauen zur Macht der Liebe. Nicht zuletzt der Liebe zu mir selbst.

Wenn ich ehrlich bin war ich drauf und dran mich selbst und auch das Kind zu einer Maske werden zu lassen. Viel hätte wohl nicht mehr gefehlt. Doch was wäre ich dann gewesen? Wer wäre ich dann gewesen? Was wäre zurückgeblieben, hätte ich mich keiner Maske mehr bedient? Leere, nichts oder einfach nur Dunkelheit? Hätte ich meine Identität verspielt, auch wenn sie nur ‚aufgesetzt‘ war?

[…]


Toter Himmel.

Meinen Glauben an Gott habe ich in dieser Zeit verloren. Haderte mit mir selbst und mit ihm. Ich habe mein Leben verflucht. Wer hilft dir, dass du zu leben lernst? Wer  hilft  dir,  dass  du  das  Trauern  lernst?  Doch  wohl  nicht  Gott!  Was für ein  Gott  ist  das,  der  so  etwas  zulässt? Trost fand ich, indem ich mich selber belog. Ich verleugnete was mir angetan wurde. Ich lernte zu lachen ohne das mir danach war. Setzte mir eine Maske auf wenn die Situation es verlangte. Das Drama nahm seinen Lauf, denn meine Maske passte ausgezeichnet. Ich fand zurück ins Leben. Ich lebte. Zumindest solange ich nicht allein war. Die Maske fiel sobald ich auf mich allein gestellt war. In jeder Minute des Alleinseins brach mein Kartenhaus über mir zusammen. Verschüttete mich. Ließ Kälte in meinen Körper fließen. Der kleine verängstigte Junge wurde in mir frei und begann seine Verzweiflung zu leben. Er hörte immer wieder diese Stimmen und sah immer wieder diese Bilder. Ein kleiner Junge kam zu Besuch. Er ist acht Jahre alt, hat blondes, feines Haar und große Augen. Dieses Kind kann nicht vergessen. Denn es hat zu viel gesehen und zu viel erlebt. Nach Jahren kommt es aus seinem Versteck. Will begreifen. Will verstehen. Wünscht sich Frieden. Ich kenne dieses Kind aus längst vergangenen Zeiten. Seine großen Augen schauen mich an. Fragend. Sie sprechen eine eindeutige Sprache. Erzählen die Geschichte. Ich kann in diesen Augen lesen. Ich lese meine Geschichte. Lese mein Leben. Sehe mein Dunkel. Ein Kind trägt Angst durch die Welt. Sein ganzer Körper schmerzt. Es beginnt zu zittern unter dieser Last. In seinem Innern toben Schreie, doch die kleinen Lippen bleiben geschlossen.  Halt  nicht  an. Weiter,  immer  weiter.  Schau  nicht  zurück.  Schneller,  du  musst  schneller  gehen.

Ich sah ein Messer. Ich spürte ein Messer. Spürte Schmerz und das Blut, dass an meiner Haut entlang floss. Mich verfolgen grausame Szenen auf den Straßen dieser düsteren Stadt.

Messer. Lilie. Acht Gesichter. Limousinen und Hotels. Gestohlene Stunden, die zu Tagen und Wochen wurden. Nun waren es schon Jahre. Welche Gründe sollte es wohl geben?

War dies der Beginn? Der Beginn einer wahnsinnig großen und endlosen Geschichte? Beginn eines finsteren Kapitels? Nein, das war schon längst das Mittendrin. Ich war mittendrin. War gefangen im Strudel dieser anderen Seite. Acht Gesichter gaben diesem Kapitel einen Namen. Geschrieben wurde es in Limousinen, in denen Männer saßen, die keine Gesichter trugen. Stattdessen Fratzen wo ich auch hinsah. Geschrieben wurde es in Hotels. Auf anonymen Grund. Geschrieben an kühlen und finsteren Orten. Erbarmungslos fortgeschrieben.

An Flucht zu denken war anfangs meine Überlebensstrategie. Die Hoffnung auf eine auch nur winzige Gelegenheit ließ mich durchhalten. Hielt alle Sinne hellwach. Wollte sie nicht verpassen, diese Chance auszubrechen. Doch meine Furcht vor einem Scheitern eines Fluchtversuches und dem was folgen würde schien diese Hoffnung auszubremsen. Ich war gleichsam gelähmt und hielt Ausschau nach einem Schlupfloch. Ohne den Hauch einer Ahnung wie ich es nutzen sollte, würde es sich tatsächlich irgendwann bieten.

Einmal jedoch gelang mir die Flucht. Weiß bis heute nicht wie es mir gelungen ist über drei Jahre unterzutauchen. Eine Pause in der Leipzig weiterhin meine Gedanken aber nicht mehr meinen Körper gefangen hielt.

Zur Hurerei gezwungen lief ich Gefahr mich selbst und alles was mich ausmachte auszuhuren. Jegliches Gefühl zu verlieren. Es wurde stetig kälter in mir. Grauer Frost zog in mein Leben ein und ließ mich erstarren.

Gewalt zwang mich auf die Knie zu gehen. Körperliche und seelische Gewalt vereint in einer Peitsche, die Ricardo in seinen Händen hielt. Hände, die nicht zögerten mit voller Wucht alles niederzuschlagen was sich ihnen in den Weg stellte. Alles und jeden auf die Knie zu zwingen. Jeder noch so kleine Funken von Gegenwehr wurde zunichte gemacht. Er demonstrierte seine Herrschaft mit Härte und Gnadenlosigkeit. Es gab nur einen Menschen, den ich mehr hasste als Ricardo. Einen Menschen, der mich auslieferte. Wäre ich damals nur aufgestanden. Hätte nicht mit ihm auf dieser Parkbank sitzen bleiben sollen. Ich empfand Wut gegen mich selbst und nun, als ich in Leipzig war, unwahrscheinlichen Hass gegen ihn. Mein Hass gegen IHN brachte mir dabei keine Stärke, er machte mich nur noch anfälliger für Ricardos Druck. Tag und Nacht Druck. Alles was ich in Leipzig tat, tun musste und um mich herum passierte geschah unter Druck. Und dieser hatte so viele Gesichter und sprach so viele Sprachen.

Nur selten war ich für einen Moment allein. Kaum mehr als eine Stunde. Eine Stunde nur für mich. Ich mit mir allein. Stunde, in der ich nicht zu funktionieren hatte. Stunde, in der ich zusammenbrach. Eine kurze Zeit, in der die Masken nutzlos waren und mich freigaben. Dann lebte ich das Opfer der Dunkelheit. Seltene Momente in denen ich noch Zugang zu mir selbst fand. Doch die Verzweiflung, die sich dann offenbarte war einfach nicht zu ertragen.

[…]


Angriff und Rückzug.

Ist es denn tatsächlich so, dass Menschen ihre Attraktivität zu steigern versuchen, indem sie sich mit vermeintlich schönen Dingen umgeben? Und ist es so, dass in diesem Zusammenhang auch andere Menschen als Dinge betrachtet werden? Kann man Menschen überhaupt verdinglichen? Schließt der Begriff ‚Accessoires‘ uns selbst ein? Fakt ist, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und an Schönheit hat kein Mensch etwas auszusetzen. Auch ich nicht. Aber warum steht und fällt so vieles mit der Schönheit? Wieso ist der Mensch so auf Ästhetik fixiert? Sind wir alle wie die Motten und fliegen auf das Licht zu? Oder sind wir wie ein Haufen Büroklammern, die zu tanzen beginnen, sobald sich ein Magnet in der Nähe befindet? Ein plumper Vergleich und doch sehr plastisch. Ich verzichte bewusst unbewusst auf Ästhetik, wenn es um eben dieses Thema geht, wenn sich meine Gedankenwelt wie jetzt um das Verständnis von Schönheit dreht. Motten und Büroklammern verkörpern nicht gerade den Inbegriff von Schönheit oder gar Ästhetik und dennoch sind es Bilder wie diese, die mir deutlich machen, welchen Einfluss ‚Schönheit‘ auf uns hat. Nun stellt sich dem gemeinen Leser natürlich wie auch mir selbst die Frage, ob der Mensch vollkommen von Schönheit geblendet und auf sie fixiert ist, oder ob wir dumm wie Büroklammern sind und uns von der Schönheit anziehen oder gar fernsteuern lassen wie die Büroklammern von einem Magneten. Ich für meinen Teil war lange Zeit Büroklammer. Später auch Magnet. Beides kann schön und gleichsam belastend sein. Wie in so vielen Bereichen des Lebens zählt wohl auch hier die Balance. Ein Mittelweg zwischen Angriff und Rückzug.

[…]


Abendliche Diskussionen mit Wein.

Seelenstriptease.

Der erste Abend in München.

Er kam aus Richtung Bahnhofshalle auf mich zugelaufen. Dort wo ich stand, vor dem Intercityhotel wo es etwas ruhiger war. Der Puls der Stadt drohte mich umzuwerfen. Er war sportlich gekleidet, doch Kleidung allein macht noch keinen sportlichen Typen aus ihm. Der erste Augenkontakt, ein Lächeln von ihm und eine flüchtige Umarmung. Aufregung und Unsicherheit machten sich schlagartig in mir breit, die ich mehr oder weniger gekonnt mit Witz und Charme überspielen konnte. Nun standen wir hier in München, mitten im Trubel der Stadt und doch nur wir zwei. Zwei Lebenslinien kreuzen sich zum zweiten Mal. Es fühlt sich so anders an. Fast so als wäre einer von uns beiden einen Marathon gelaufen während der andere eine Runde um den Block spaziert ist.

Der erste Abend verging wie im Flug. Bis in die Nacht hinein, ja, tief in die Nacht hinein zog sich unser erster gemeinsamer Abend in München. Es gab viel zu erzählen und Manuel wollte endlich Klarheit über das, was mein Leben derart brutal auf den Kopf gestellt hat. Ich erzählte die Geschichte des Kindes, das sich in Leipzig ganz und gar zu verlieren drohte. Das Lächeln wich aus seinem Gesicht. Der freudige Glanz in seinen Augen wich einem entsetzen Blick. Nicht lang und ein neuer, ein Glanz anderer Art hielt Einzug in seinen Augen. Keiner der von Freude zeugte. Vielmehr ein Glanz der eine traurige Botschaft in sich trug. Er hinterfragte und hörte zu. Ließ gewähren und rang nach Luft. Wir tranken Wein, rauchten viel zu viel und redeten. Von blindem Vertrauen war die Rede. Von Leipzig und den Geschehnissen in dieser Stadt. An diesem unheilvollen Ort. Er erfuhr von den acht Gesichtern und den qualvollen Stunden in diesem dunklen Hinterzimmer. Er erfuhr von meinem Doppelleben, von den Tagen im Theater und den Nächten, die für mich keinen Schlaf brachten. Jenen Nächten, die mit einem Anruf begannen, die am Hauptbahnhof begannen und die mich das Spiel mit den Masken lehrten und diese Masken erzwangen. Von Limousinen, Drinks und Hotels war die Rede. Von Männern, die sich nahmen was sie wollten. Vom Dreck meines Lebens, wie er dicker nicht hätte sein können.

Der Wein wich dem Ouzo. Der blaue Dunst der Zigaretten hüllte den Raum in dicke, schwere Schleier. Die Atmosphäre im Raum schien sich der Schwere des Themas anzupassen. Für Manuel schlossen sich nun Lücken. Er begann zu verstehen. Ich bot ihm Einblick in mein Innerstes. Öffnete ihm die Tür zu meiner Vergangenheit. Der Zeit, die nach ihm kam. Die Patchworkdecke meines Lebens lag nun direkt vor seinen Füßen ausgebreitet. Ausmaß und Dramaturgie schienen ihn hoffnungslos zu überfordern. Das Zusammenspiel von Filigranität und erschreckend schonungsloser Prägnanz machte ihn unsicher. Die Farben sprangen ihm entgegen und gleichzeitig drohten sie ihn mit sich in die Tiefe zu ziehen. Patchwork, welches mein Seelenleben offenbart. Stiche, Narben, Qual, Schmerz, Leid, Angst, Verzweiflung, Ekel und Gewalt. Alles war gebannt auf dieser imaginären Decke meines Lebens. Fratzen traten ihm entgegen. Die Geschichten meiner Masken waren zu lesen. Fratzenschau. Atlas meiner Odyssee. Nie gewolltes Bilderbuch. Dennoch aufgeschlagen und einen intimen Einblick gewährt. Bis heute frage ich mich ob es ein Fehler war ihm mein Innerstes Preis zu geben.

War es ihm möglich, unter all diesen Farben, Schatten und Konturen, ja inmitten diesen psychodelischen Musters das Kind zu erkennen? Wird sich das komplette Bild, die komplette Geschichte überhaupt je einem Menschen erschließen? Wird jemals irgendwer in der Lage sein das Kind zu erkennen? Wird es sich überhaupt zu erkennen geben? Martin hat es nicht geschafft, obwohl er mein altes Ich kannte. Jenes Ich, welches tief im Bergwerk verschollen ist. Zu viele Bambusleitern die in die Tiefe führen. Zu viele Gänge die Mut, Ausdauer und Kraft abverlangten. Zu viel Ruß der sich in die Seele frisst. Wie stark muss eine Liebe sein um das ertragen zu können? Wie groß ein Herz um all das auf sich zu nehmen?

[…]


Freier.

Große, prächtige Limousinen fuhren vor. Langsam, ganz langsam.  S c h r i t t g e s c h w i n d i g k e i t. Sie wussten wo ich stand. Dafür wurde gesorgt. Ricardo arrangierte diese Treffen, er rief mich kurz an, gab mir die nötigen Informationen und ich wusste was ich zu tun hatte. Organisieren konnte er und er verstand was von diesem ‚Geschäft‘. Er verstand es auch mich unter Druck zu setzen, hielt mich in seiner Hand und ließ mich nicht mehr los. Ich wusste mich auf diese Treffen vorzubereiten und ich wusste wie man eine Maske aufsetzt. Nichts anmerken lassen. Den Ekel verbergen. Keinen Unmut dieser Männer auf dich ziehen. Am Anfang und am Ende steht immer ein und dieselbe Person. Am Anfang und am Ende ist es immer Ricardo. Und ich wusste wie ich von diesem Ort fliehen konnte. Nicht vor den Männern in den Limousinen, nein, eher vor Ricardos Feinden. Was die Männer betrifft, so lernt man auf eine andere Art zu verschwinden, man lernt aus seinem eigenen Körper zu schlüpfen. Kein Gefühl, kein Leben, nur die leere Hülle bleibt zurück. Doch es gelang mir nicht immer mich vor ihren Übergriffen zu schützen. Nicht immer war der Weg frei um zu fliehen. Und nie gefiel mir was zwischen denen und mir passierte. Es ist als würde einem die Seele aus dem Körper gefickt. Das trifft es wohl am ehesten. Andere Worte gibt es nicht dafür. Eigentlich gibt es gar keinen Ausdruck für diesen Mist. Kein mir bekanntes Wort konnte dem gerecht werden.

Hotel um Hotel. Mann um Mann und Maske um Maske. Nichts worauf ich stolz sein könnte. Und dennoch eine große Herausforderung. Dies war kein Spiel. Es geschah nicht freiwillig. Sich hängen zu lassen hätte weitreichende und schmerzhafte Konsequenzen nach sich gezogen. Eine Lösung war nicht in Sicht. Welche sollte es auch geben? Die Polizei, dein Freund und Helfer? Ich musste mit ansehen was passiert, wenn es einer von uns wagt diesen Schritt zu tun. Untertauchen? Keine Chance. Sie finden dich. Kein Zweifel. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht gelingt es dir sogar ein Jahr oder länger von der Bildfläche zu verschwinden. Aber sie finden dich. Irgendwann. Irgendwo. Ganz gleich. Du wirst die ganze Zeit ihre Drohungen hören. Du wirst Angst haben. Angst, nicht so sehr um dich selbst, vielmehr Angst um deine Familie, deine Eltern und auch um deine Freunde. Die Angst wird dir also ständig im Nacken sitzen. Sie wird dir ins Ohr flüstern. Tag und Nacht wird sie dir das Lied der Jagd ins Ohr säuseln. Wie lang kann man so etwas aushalten? Und selbst wenn es dir irgendwie gelingen sollte, so ist das Leben unter ständiger Angst entdeckt zu werden nicht viel mehr wert als jenes in ‚Sklaverei‘. Es bleibt ein Leben unter ständiger Bedrohung. Solange du allerdings Sklave bist kommt dir das Risiko kalkulierbarer vor.

Also sah ich zu mit all dem fertig zu werden. Irgendwie musste es gelingen. Es musste. Ich hatte keine Wahl.

Ich entschied mich für das Rollenspiel. Nicht bewusst. Doch irgendwie fand ich mich in einer Theateraufführung wieder. Die Kulissen änderten sich und jeder Kulissenwechsel erforderte auch das Einfinden der Hauptperson in die neue Szene. Am Anfang viel mir dieses Switchen äußerst schwer. Ich haderte mit mir. Ich haderte mit meinen Kunden. Haderte mit meinem Schicksal und nicht minder mit meiner Schwäche. Ich fügte mich. Reagieren statt agieren. Auch wenn es schlagkräftige Argumente für mein Verhalten gab, so war es doch ein Stillhalten und Ausharren. Anfangs! Doch mit der Zeit wurde mir bewusst, dass ich diese Schiene nicht lange würde fahren können. Zu groß war die Gefahr, dass ich mich selbst bei dem was ich tat verliere. Trotz dieser Hilflosigkeit musste ich versuchen aktiv zu werden. Wenn ich schon auf dieser Bühne stehen musste, so konnte ich wenigstens versuchen die Szenen zu beeinflussen. Konnte versuchen jede Szene mit einer Rolle zu verbinden. Und jede einzelne dieser Rollen authentisch zu leben. Nur so lang bis der Vorhang fallen würde.

War Professionalität mein Schutzschild? War dies der Grund dafür, dass ich all diesen Dreck überstanden habe? Auch wenn er das Haftenbleiben für lange Zeit nicht verhindern konnte. War ich am Ende nicht professionell genug, da es mich schließlich doch innerlich zerriss?

Ich war ein Spielzeug für diese Männer. Spielzeug mit Doppelleben. Die Macht spielte mit mir und auch das Geld. Und dieses Spiel verstand ich mit der Zeit sehr gut zu spielen. In mein Schicksal und in meine Rolle gefügt ließ ich geschehen was unumgänglich war. Mein Verhältnis zur Politik, zur Wirtschaft und zur so genannten Prominenz ist kein nüchternes. Es ist mir nicht möglich unbefangen auf diese Gesellschaft und auf deren Kreise zu blicken. Tageszeitungen und Nachrichten sind für mich tabu. Es käme in gewisser Weise einem Wiedersehen gleich. Ein Wiedersehen unfreiwilliger Natur. Keines, das mir Freude bereiten würde. Nur jetzt habe ich endlich die Macht dem ganzen Treiben einen Riegel vorzuschieben. Mir ist es nun möglich meinen Blick abzuwenden und mich den Bildern und Schlagzeilen so gut es nur geht zu entziehen. Es gelingt mir nicht immer Augen und Ohren geschlossen zu halten. Ganz gleich ob es sich nun um Gesprächsfetzen von Passanten auf der Straße, im Supermarkt oder an einem anderen beliebigen Ort handelt. Oder ob es die Zeitschriftenauslage im Bahnhof oder Flughafen ist. Sich vollkommen zu entziehen ist gänzlich unmöglich. Doch die Distanz zu diesen Männern, deren Bildern und allem was sie umgibt wird größer.

Ich bin nicht länger das Spielzeug eines Politikers oder das eines Managers oder das irgendeiner anderen Person aus dem öffentlichen Leben. Auch muss ich keinen Spielregeln von Männern mehr befolgen, die in Milieus verkehren, in denen es weder Skrupel gibt, noch Mensch und Leben geachtet werden. Muss sie nicht mehr sehen, fühlen und riechen. Doch meine Gedanken machen sich noch heute auf die Reise an die Orte des Maskenspiels. Diese Orte sind es, die mich bis heute in ihren Bann ziehen.


Und Montag ändert sich die Liebe.

Auf eine Sonntag, den ich schaukelnder Weise mit Tobi verbrachte, folgte ein Montag, wie er emotionaler nicht sein konnte. Ein schwangerer Montag. Geschwängert von Liebesbekundungen, einem Antrag auf Fortsetzung einer Sommerliebe mit Aussicht auf Ehe, dem Einleiten des sanften Sterbens einer gerade erst aufblühenden Liebe und einer Liebesoffenbarung, welche aus einer gerade erst wachsenden Freundschaft geboren wurde. Eine Liebesoffenbarung wie sie ihres gleichen sucht. Von Naivität und Illusionen geprägt. Die Sehnsucht eines Mannes, dem es zu lieben nie vergönnt war. Es ist beinahe so als stünde ich vor einer riesigen Staumauer. Meinen Kopf in den Nacken gelehnt um das Ende eines gigantischen Bauwerks ausmachen zu können. Was sich dahinter verbirgt, was dieses Bollwerk verbirgt, aufstaut oder gar zurückhält wag ich mir nicht auszumalen. Es käme wohl einer Sturzflut gleich würde dieses Bollwerk nachgeben. Würde ich es zulassen, dass es nachgibt, würde mich die Liebe die dieser Mann für mich empfindet mit einer derartigen Wucht treffen, dass sie mich wohl fortspülen würde. Oder würde ich unter ihrer Wucht zusammenbrechen?

Es musste der Tag des großen Kassensturzes sein. So kam innerhalb eines Tages mein beinahe wieder zu fassen geglaubtes emotionales Gleichgewicht erneut vollends ins Wanken. Wie konnte es soweit kommen? Ziehe ich das emotionale Chaos an wie das Licht die Motten? Oder lege ich im entscheidenden Moment das falsche Verhalten an den Tag? Gebe ich falsche Signale?

Dieser Montag brachte die Sintflut über die Wüste. Mit entgegengesetztem Ziel zwar, jedoch mit ähnlich biblischen Ausmaß. Nur war oder bin ich nicht Noah. Ich hatte keine Zeit mir eine Arche zu bauen um mich vor den tosenden Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Die Wogen überschlugen sich über meinem Kopf. Ich trieb plötzlich in einem Ozean. Der gleiche Ort. Nur stand ich zu Anfang des Tages noch auf ödem Boden. Doch wenigstens bot dieser mir immerhin Halt und ermöglichte mir in gewisser Weise einen einigermaßen sicheren Stand. Meine ersten Gedanken ranken sich um das drohende Ertrinken. Ertrinken im Ozean der Liebesbekundungen, der Anträge und Abschiede. Ozean der tiefen Gefühle. Ozean der Emotionen. Ein Teich wäre mir genug gewesen. Ein Mann wäre mir genug gewesen. Nun schickten mich drei Männer in unsagbar tiefes Wasser. Wasser, dessen Wogen beinahe einer Bedrohung gleichkamen.

Einer von ihnen schenkte mir Frieden. Er war tatsächlich dazu in der Lage, mir dieses große Geschenk zu machen. Der nächste war eine der letzten Verbindungen in mein altes, freies, unbelastetes Leben. Seit Jahren hat er sich einen Flecken in meinem Herzen gesichert und machte bisher keine Anstalten diesen wieder frei zu geben. Und der Dritte im Bunde stand mir ganz und gar in der schwersten Zeit meines Lebens bei. Ein Date, eine alte Liebe und ein Freund. Feuer, Glut und Asche. Herz und Verstand tragen ihre Kämpfe an drei verschiedenen Fronten aus. Jede Front trägt ihren eigenen Namen, hat ihren eigenen Hintergrund und ihr je eigenes Gesicht. Doch wie viele Fronten kann ein Mensch aushalten? An wie vielen Fronten gleichzeitig kämpfen? Ganz egal in welcher Art von Beziehung man sich mit seinem Gegenüber befindet. Und ganz egal welchen Grund diese haben oder welchen Namen sie tragen. Die ichbezogene Antwort lautet: Keine! Nicht eine einzige Front!


L e b e, K i n d!

Um ein Fazit meiner letzten Lebensdekade zu ziehen, so komme ich nicht umhin mich vor Marc Aurel voller Ehrfurcht zu verbeugen. “Das Glück deines Lebens wird bestimmt von der Beschaffenheit deiner Gedanken.“ Über Jahrhunderte hinweg hat dieser Ausspruch nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt und doch kann ich nicht behaupten, dass diese Weisheit in jeder, ja ausnahmslos jeder Lebenssituation greift. Unsere Gedanken sind sehr wohl imstande unsere Geschicke zu lenken. Im positiven wie auch im negativen Sinne. Es kommt nicht von ungefähr, wenn man beispielsweise im Falle einer Verliebtheit zu hören bekommt, dass man strahlt, gut aussieht und eine ‚glückliche‘ Aura hat. Man ist glücklich und man strahlt dieses Glück aus. Alles scheint leichter von der Hand zu gehen. Kleine Widrigkeiten nimmt man mit einem Lächeln hin. Anders als Single, als genervter Single, wie ich einer bin. Da können einem die sogenannten kleinen Widrigkeiten des Alltags die Laune dermaßen verderben, dass der ganze Tag nicht zu gelingen scheint. Aber ich schweife schon wieder ab und lege eher ein Zeugnis meines ‚Liebes‘-Lebens als meiner letzten zwei Lebensdekaden ab. Nichtsdestotrotz gehört auch das zu meinem Leben und hat wie bereits gezeigt einen immensen Einfluss auf die Großpackung meines Lebens. Wenn nicht gar den größten. Bedenkt man die Katastrophe meiner letzten gelebten Liebe, so wird klar, dass mein Liebesleben die Kraft besitzt mich völlig aus der Bahn zu werfen und mein ‚übriges‘ Leben infrage zu stellen.

Liebe ändert alles und nicht zuletzt beeinflusst sie die Beschaffenheit unserer Gedanken. Liebe kann so vieles bewirken, beeinflussen und uns in unserem Leben bestärken. Uns in dem bestärken, was wir zu tun beabsichtigen. Vielleicht sogar eine Bestätigung liefern für den Weg den wir einschlagen und unter Umständen weiterzugehen gedenken. Doch sie kann auch zerstören, macht verletzlich, bringt uns dazu, unsere Schutzschilde runterzulassen. Sie hat wohl zwei Gesichter. Sie kann uns zweifeln lassen, uns gefangen halten und uns einen Spiegel vorhalten. Sie kann uns mit Leben erfüllen und uns dem Wahnsinn nahe bringen.

Kraft geben und Kraft rauben. Blühen und welken. Licht und Schatten. All dies liegt in ihrer Macht. Dies und noch viel mehr. Doch das alles in Abhängigkeit von so vielen Dingen. Dingen wie Selbstliebe; die Fähigkeit sich auf eine Beziehung, ja auf einen anderen Menschen einzulassen und das Leben miteinander teilen zu wollen; atmen zu können, auch wenn manches Mal eine Last auf dem Brustkorb zu liegen scheint. Sie ist imstande dich in wärmendes Licht zu hüllen und im nächsten Moment mit Hass zu erfüllen. Liebe kann alles bedeuten und doch so viel Nichts in sich tragen.

Es gibt doch kaum eine andere Macht welche einen so starken Einfluss auf unser Leben ausübt. Uns derart in ihrer Gewalt hat und unser Dasein mit derartiger Schönheit und Grausamkeit füllen kann. Es ist wohl tatsächlich die stärkste Macht überhaupt im Leben von uns Menschen.

Heute definiere ich Liebe anders. Auch das gehört wohl zum Erbe der letzten Jahre. Wenn du etwas wirklich liebst, dann lass es frei. Kommt es zu dir zurück, so gehört es zu dir. Bleibt es fern, so hat es nie zu dir gehört. Eine Lektion, welche sich nur schwer ertragen lässt. Wenn man jemand ist, der sein Leben über die Liebe und über die Dinge die man liebt definiert, so kommt das Freilassen einem waghalsigen Sprung in kaltes Wasser gleich. Unter Umständen bin ich einmal zu oft gesprungen. Habe mich versprungen oder das Wasser war zu kalt.

Es blieb stets fern.


Mein Name war Patrice.

Geboren in Leipzig. Eine erzwungene Geburt. Meine Flucht war der Spaten um ein Grab auszuheben. Patrice durfte, konnte unter keinen Umständen weiter existieren. Er sollte verschwinden und nie wieder auftauchen. Ich wollte mein altes Leben zurück. Wollte zu dem zurück was vor Leipzig existierte. Doch das Ausheben eines Grabes macht seine Existenz nicht ungeschehen. Dies war ein Wunsch, dessen Erfüllung ich vergeblich herbeisehnte. Naiv von mir nach etwas zu streben, was surrealer nicht sein konnte. Aber ich sehnte mich so sehr danach. Sehnte mich nach einem Ende. Sehnte mich zurück nach Jena, zurück auf diese Parkbank und ich sehnte mich so sehr nach einem Nein in der Vergangenheit. Ein Nein, dessen Bedeutung nicht größer sein konnte.

Patrice war und ist eine Kunstfigur. Eine Rolle die ich spielte. Aus der Not heraus und zum Schutz des Kindes ins Leben gehievt. Patrice. Eine Rolle. Eine Facette. Sammelsurium so vieler Facetten. Fähre, die mich auf die andere Seite brachte. Ein Fähre von mir geschaffen, ausschließlich von mir. Der Zweck hat sich mir lange Zeit nicht erschlossen. Habe mich wohl geweigert, alles in seiner Gänze verstehen zu wollen. Habe wohl versucht der Wahrheit zu entkommen. Habe gescheut, der Wahrheit ins Auge zu blicken und zu realisieren, welchen Weg ich einschlug. Ein Weg, welcher nüchtern betrachtet Vor- und Nachteile mit sich brachte. Wie alles im Leben. Doch war hier die Gewichtung eine ganz andere. Der anfängliche Schutz, den dieses Rollenspiel und den Patrice bot, war ein klarer Vorteil. Doch es war wohl auch der einzige. Und wenn auch dieses Rollenspiel nach außen hin Schutz bot, so pflanzte es doch einen Zwiespalt in mich hinein. Langsam und kaum wahrzunehmen verlor ich mehr und mehr die Kontrolle und das was Patrice war und was ihn ausmachte wurde mehr und mehr zur Gewohnheit, gar zur Normalität und letzten Endes war es kaum mehr eine Rolle als vielmehr ein Teil von mir. Ein nie gewollter Teil von mir. Die Umstände in Leipzig zwangen mich dazu die mir einzig und allein gebliebene Möglichkeit der Abwehr wahrzunehmen, sie anzunehmen und mich mit einem Zustand zu arrangieren, der alles von mir abverlangte! Alles mir bisher so vertraute einverleibte, zu verschlucken drohte und sich daran machte es ganz und gar auszulöschen. Patrice pflanzte sich in mein Unterbewusstsein. Er war nicht länger Gast, vielmehr nahm er Stück für Stück mehr Platz ein. Trieb dieses Spiel so weit, bis er diesen stillen Kampf zwischen ihm und mir für sich entschied.

Patrice. Ich trug diesen Namen wenn ich mich auf dem Weg zum Leipziger Hauptbahnhof machte. Patrice war es, der zu diesen Männern in die Limousinen stieg. Er war es, der ihnen zu Willen war. Meist ließen sie ihn gehen sobald sie hatten was sie wollten, was sie umtrieb und sie so widerlich machte. Dann fühlte er nur noch Verachtung.

Patrice. Er spielte seine Rollen gut.

%d Bloggern gefällt das: