You are currently browsing the tag archive for the ‘Himmel’ tag.


Toter Himmel.

Meinen Glauben an Gott habe ich in dieser Zeit verloren. Haderte mit mir selbst und mit ihm. Ich habe mein Leben verflucht. Wer hilft dir, dass du zu leben lernst? Wer  hilft  dir,  dass  du  das  Trauern  lernst?  Doch  wohl  nicht  Gott!  Was für ein  Gott  ist  das,  der  so  etwas  zulässt? Trost fand ich, indem ich mich selber belog. Ich verleugnete was mir angetan wurde. Ich lernte zu lachen ohne das mir danach war. Setzte mir eine Maske auf wenn die Situation es verlangte. Das Drama nahm seinen Lauf, denn meine Maske passte ausgezeichnet. Ich fand zurück ins Leben. Ich lebte. Zumindest solange ich nicht allein war. Die Maske fiel sobald ich auf mich allein gestellt war. In jeder Minute des Alleinseins brach mein Kartenhaus über mir zusammen. Verschüttete mich. Ließ Kälte in meinen Körper fließen. Der kleine verängstigte Junge wurde in mir frei und begann seine Verzweiflung zu leben. Er hörte immer wieder diese Stimmen und sah immer wieder diese Bilder. Ein kleiner Junge kam zu Besuch. Er ist acht Jahre alt, hat blondes, feines Haar und große Augen. Dieses Kind kann nicht vergessen. Denn es hat zu viel gesehen und zu viel erlebt. Nach Jahren kommt es aus seinem Versteck. Will begreifen. Will verstehen. Wünscht sich Frieden. Ich kenne dieses Kind aus längst vergangenen Zeiten. Seine großen Augen schauen mich an. Fragend. Sie sprechen eine eindeutige Sprache. Erzählen die Geschichte. Ich kann in diesen Augen lesen. Ich lese meine Geschichte. Lese mein Leben. Sehe mein Dunkel. Ein Kind trägt Angst durch die Welt. Sein ganzer Körper schmerzt. Es beginnt zu zittern unter dieser Last. In seinem Innern toben Schreie, doch die kleinen Lippen bleiben geschlossen.  Halt  nicht  an. Weiter,  immer  weiter.  Schau  nicht  zurück.  Schneller,  du  musst  schneller  gehen.

Ich sah ein Messer. Ich spürte ein Messer. Spürte Schmerz und das Blut, dass an meiner Haut entlang floss. Mich verfolgen grausame Szenen auf den Straßen dieser düsteren Stadt.

Messer. Lilie. Acht Gesichter. Limousinen und Hotels. Gestohlene Stunden, die zu Tagen und Wochen wurden. Nun waren es schon Jahre. Welche Gründe sollte es wohl geben?

War dies der Beginn? Der Beginn einer wahnsinnig großen und endlosen Geschichte? Beginn eines finsteren Kapitels? Nein, das war schon längst das Mittendrin. Ich war mittendrin. War gefangen im Strudel dieser anderen Seite. Acht Gesichter gaben diesem Kapitel einen Namen. Geschrieben wurde es in Limousinen, in denen Männer saßen, die keine Gesichter trugen. Stattdessen Fratzen wo ich auch hinsah. Geschrieben wurde es in Hotels. Auf anonymen Grund. Geschrieben an kühlen und finsteren Orten. Erbarmungslos fortgeschrieben.

An Flucht zu denken war anfangs meine Überlebensstrategie. Die Hoffnung auf eine auch nur winzige Gelegenheit ließ mich durchhalten. Hielt alle Sinne hellwach. Wollte sie nicht verpassen, diese Chance auszubrechen. Doch meine Furcht vor einem Scheitern eines Fluchtversuches und dem was folgen würde schien diese Hoffnung auszubremsen. Ich war gleichsam gelähmt und hielt Ausschau nach einem Schlupfloch. Ohne den Hauch einer Ahnung wie ich es nutzen sollte, würde es sich tatsächlich irgendwann bieten.

Einmal jedoch gelang mir die Flucht. Weiß bis heute nicht wie es mir gelungen ist über drei Jahre unterzutauchen. Eine Pause in der Leipzig weiterhin meine Gedanken aber nicht mehr meinen Körper gefangen hielt.

Zur Hurerei gezwungen lief ich Gefahr mich selbst und alles was mich ausmachte auszuhuren. Jegliches Gefühl zu verlieren. Es wurde stetig kälter in mir. Grauer Frost zog in mein Leben ein und ließ mich erstarren.

Gewalt zwang mich auf die Knie zu gehen. Körperliche und seelische Gewalt vereint in einer Peitsche, die Ricardo in seinen Händen hielt. Hände, die nicht zögerten mit voller Wucht alles niederzuschlagen was sich ihnen in den Weg stellte. Alles und jeden auf die Knie zu zwingen. Jeder noch so kleine Funken von Gegenwehr wurde zunichte gemacht. Er demonstrierte seine Herrschaft mit Härte und Gnadenlosigkeit. Es gab nur einen Menschen, den ich mehr hasste als Ricardo. Einen Menschen, der mich auslieferte. Wäre ich damals nur aufgestanden. Hätte nicht mit ihm auf dieser Parkbank sitzen bleiben sollen. Ich empfand Wut gegen mich selbst und nun, als ich in Leipzig war, unwahrscheinlichen Hass gegen ihn. Mein Hass gegen IHN brachte mir dabei keine Stärke, er machte mich nur noch anfälliger für Ricardos Druck. Tag und Nacht Druck. Alles was ich in Leipzig tat, tun musste und um mich herum passierte geschah unter Druck. Und dieser hatte so viele Gesichter und sprach so viele Sprachen.

Nur selten war ich für einen Moment allein. Kaum mehr als eine Stunde. Eine Stunde nur für mich. Ich mit mir allein. Stunde, in der ich nicht zu funktionieren hatte. Stunde, in der ich zusammenbrach. Eine kurze Zeit, in der die Masken nutzlos waren und mich freigaben. Dann lebte ich das Opfer der Dunkelheit. Seltene Momente in denen ich noch Zugang zu mir selbst fand. Doch die Verzweiflung, die sich dann offenbarte war einfach nicht zu ertragen.

[…]

Advertisements

Bergmann.

Wir gehen aufeinander zu. Er scheint erschöpft zu sein. Sieht müde aus. Er schenkt mir sein Lächeln. Spricht zu mir, doch ich kann ihn nicht verstehen.  Als  sei  es  eine  andere  Sprache. Der Himmel ist grau, beinahe trostlos. Die Kälte kriecht unter meine Kleidung. Er hat eine Taschenlampe bei sich. Wir setzen uns in Bewegung. Laufen die Straße hoch. Ich laufe mit ihm, auch wenn ich nicht weiß wohin es gehen soll. Habe keine Ahnung was unser Ziel ist. Wir laufen eine ganze Weile bis wir angekommen sind. Ich sehe eine Holztür mit massiven Eisenbeschlägen. Sonst nichts. Nur diese Tür. Sie bildet den Eingang in eine Art Hügel. Dickes, saftiges Gras wohin ich auch schaue. Er öffnet die Tür. Schlechte Luft schlägt uns entgegen. Es ist dunkel und feucht. Wir gehen hinein. Er verschließt die Tür hinter uns. Mit seiner Taschenlampe leuchtet er uns den Weg. Ein schmaler Gang, dessen Wände über und über mit Ruß bedeckt sind. Dicker, klebriger Ruß. Aus der Anfangs schlechten Luft wurde Gestank. Traue mich kaum Luft zu holen. Der Gang führt in diesen Hügel immer tiefer hinein. Es ist als ob dieser Hügel lebt. Ich kann ein Pochen hören, fast wie ein Herzschlag.  Puls,  ich  kann  seinen  Puls  spüren. Ich sehe ein Licht. Einen Schimmer am Ende des Ganges. Wir gehen weiter. Keiner von uns beiden sagt ein Wort. Nur dieses Pochen und unsere Schritte sind zu hören. Die Luft wird wärmer. Sie schlägt uns entgegen und scheint ihren Ursprung in diesem Licht zu haben. Wir kommen näher. Der Gang wird immer enger. Ich möchte am liebsten umkehren. Sehe ihn an. Er ist entschlossen. Er macht eine Handbewegung. Wir gehen weiter. Es scheint ihm sehr wichtig zu sein. Nach wenigen Minuten haben wir das Ende des Ganges erreicht. Wir betreten einen kleinen Raum. Fackeln sind die Quelle des Lichts. Überall Ruß. Es ist warm und stickig. Fast schon unerträglich. Am Ende des Raumes klafft ein tiefes Loch im Boden. Die ersten Sprossen einer Leiter sind zu erkennen. Sie ist aus Bambus gemacht und Lederriemen halten sie zusammen. >>Hier müssen wir runter.<< Als er das zu mir sagt macht er eine kurze Handbewegung die mir bedeuten soll mit ihm zu gehen. Ich bin völlig überfordert von dieser Situation. >>Wo sind wir hier? Was ist das? Wo gehen wir hin?<< Nur noch Fragen in meinem Kopf die nur so aus mir heraus platzen. Flüsternd gibt er mir eine Antwort, die mich noch mehr durcheinander bringt. Eine Antwort, die noch mehr Fragen aufwirft.

>>Wir sind wegen dir hier. Das bist du. Hab keine Angst. Ich bin bei dir.<<

Er sieht zu dieser Leiter. Zögernd gehe ich mit ihm dort hin. Er neigt seinen Kopf zu mir herüber und sieht die Verwirrung in meinen Augen. Seine Stimme ist sanft und lebendig, scheint mich zu beruhigen. >>Einen Fuß nach dem anderen. Sei bitte vorsichtig.<< Wir steigen hinab. Stück für Stück nach unten. Die Sprossen sind nass und rutschig. Überall Ruß. Meine Hände befreien die Leiter vom Schmutz. Das Pochen wird immer lauter. Vereint sich mit meinem Puls. Meine Hände und Knie beginnen zu zittern. Ich sehe nach unten, an Carsten vorbei. Flackernde Lichter überall an den Wänden. Ich kann das Ende der Leiter nicht erkennen, kann keinen Boden sehen. >>Wie lange noch?<< Geduld gehört wohl nicht mehr zu den Eigenschaften die ich mein Eigen nennen kann. >>Nicht mehr lang, halte durch.<< Der Schweiß läuft in meine Augen. Die Hitze ist beinahe unerträglich. Jede Faser meines Körpers ist angespannt. Ich konzentriere mich auf die Sprossen und steige weiter  hinab. Immer tiefer.  Schritt  für  Schritt.  Konzentriere  dich.  Nur  nicht  daneben  treten.  Du  darfst  nicht  abrutschen. Ein Geräusch. Wie von einem Sprung. Mein Blick geht nach unten. Carsten ist nicht mehr zu sehen. Panik steigt in mir auf. Dann eine Stimme. Seine Stimme. >>Du hast es fast geschafft. Noch ein paar Sprossen.<< Ein Licht. Carstens Taschenlampe leuchtet mir entgegen. Ich sehe den Boden. Lehm. Die letzte Sprosse, dann bin ich endlich unten angekommen. Ich schaue ihn an. Die Verwirrung ist einer Ahnungslosigkeit gewichen. >>Ich verstehe das alles nicht. Was machen wir hier? Was ist das hier überhaupt?<< Dieser große und kräftige Mann steht am Fuß der Leiter und sieht zu mir herauf. Diese ganze Situation versetzt mich wieder in mein achtjähriges Ich zurück. >>Das hier ist dein Labyrinth. Dein Werk.<< Ich begreife immer noch nicht. Bambusleitern wohin ich auch sehe. In allen Richtungen. >>Wir müssen weiter.<< >>Wohin müssen wir?<< Der Wunsch nach einem Hauch von Ahnung was hier vor sich geht raubt mir fast den Verstand. >>Wir sind erst am Anfang. Müssen weiter.<< Er zeigt auf eine der vielen Leitern. Neugier und Angst bilden eine explosive Mischung. Ich atme die heiße und stickige Luft. Es riecht nach Dreck und Ruß. Die Feuchtigkeit durchdringt die Kleidung, alles klebt an meinem Leib. >>Vertrau mir. Bitte.<< Aus seinem Munde klang dieses „Vertrau mir“ nach einem Appell an mein Herz. Ich folge ihm. Wir gehen in die äußerste Ecke dieser Kammer. Die Decke hängt erdrückend tief und droht jeden Moment auf uns herab zu fallen. Fackeln flackern im Luftzug. Carsten bleibt stehen und dreht sich nochmal zu mir um. >>Ich bin bei dir. Zusammen schaffen wir das!<< Ein fremder Mann sagt die Worte zu mir die ich von Alexander hätte hören sollen. Dieser Mann bringt mir mehr Gefühl entgegen als der Mann der mich angeblich liebt. Gedanken. Nichts als Gedanken in meinem Kopf. Sie schlagen Wurzeln und treiben neu aus. Dann, plötzlich rutschte mein linker Fuß von einer der Sprossen. Der Schreck schoss mir durch den ganzen Körper. Ich war wieder wach. Du musst aufpassen. Bleib bei der Sache. Hier spielt die Musik. >>Ist alles in Ordnung?<< hörte ich Carsten zu mir nach oben rufen. >>Ja, ich bin nur abgerutscht. Nichts passiert.<< Und wieder steigen wir eine Leiter hinab. Tief in einen engen Schacht hinein. Immer tiefer. Eine nicht endend wollende Leiter. Die Feuchtigkeit auf den Sprossen weicht die Haut auf, sie löst sich langsam. Sprosse um Sprosse. Der Ruß an den Wänden des Schachts schluckt das Licht das von den Flammen der Fackeln ausgeht. Eine düstere Atmosphäre. Jeder Schritt lässt die Leiter erzittern. Minuten vergehen. Viele  Minuten. Ich zwinge mich dazu, nur auf meine Hände zu sehen.  Bloß  nicht  nach  unten  sehen. Es ist beinahe so, als würde diese Leiter im Nichts stehen. Ohne Anfang und ohne Ende. Es geht immer  tiefer hinab. Die Sprossen zähle ich schon nicht mehr. Zu sehr muss ich mich darauf konzentrieren, einen Fuß nach dem anderen zu platzieren und nicht daneben zu treten. Habe Angst abzurutschen. Wasser und Ruß verbinden sich und bilden einen schmierigen Film, die Gefahr ist groß den Tritt zu verlieren. Schritt für Schritt. Ich muss nur ruhig bleiben, dann schaffe ich das auch. Dann höre ich seine Stimme. >>Gleich geschafft. Nur noch ein kleines Stück.<< Keine Reaktion von mir auf seinen Kommentar. Zu sehr war ich mit mir selbst beschäftigt. Meine Knie werden weich. Habe Angst ins Leere zu treten. Das Licht wird stärker. Langsam kann ich die Dimensionen des Schachts erkennen. Wohin ich auch blicke, überall dicke Steinquader, rau und mit Ruß überzogen. Ich neige meinen Kopf nach unten. Will nur noch wissen, wie weit die Leiter noch nach unten reicht. Carsten sieht mir entgegen. Er hält die Leiter fest und wischt sich mit einer Hand den Ruß aus seinem Gesicht. Nicht  mehr  weit.  Zehn  Sprossen  vielleicht. Durchhalten!  Versuche  durchzuhalten! Dann habe ich es geschafft. Unten. Ich habe endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Ich blicke in Carstens Gesicht. Rot vor Anstrengung. Schweißperlen zeichnen ihre Spuren auf seiner vom Ruß geschwärzten Stirn. Erschöpfung macht sich in mir breit. Ich muss mich setzen. Schnappe nach Luft. Ein paar Minuten brauche ich, um zu realisieren, wo ich bin. Wir befinden uns in einer großen Halle, ganz aus Stein. Die Wände sind feucht. Das Geräusch fallender Tropfen schallt durch diesen Ort. Ein Ende dieser Halle ist nicht zu erkennen. Und auch hier gibt es Leitern, sie lehnen an den Wänden und ragen in die Höhe. Rußgeschwärzt.

[…]

%d Bloggern gefällt das: