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Abendliche Diskussionen mit Wein.

Seelenstriptease.

Der erste Abend in München.

Er kam aus Richtung Bahnhofshalle auf mich zugelaufen. Dort wo ich stand, vor dem Intercityhotel wo es etwas ruhiger war. Der Puls der Stadt drohte mich umzuwerfen. Er war sportlich gekleidet, doch Kleidung allein macht noch keinen sportlichen Typen aus ihm. Der erste Augenkontakt, ein Lächeln von ihm und eine flüchtige Umarmung. Aufregung und Unsicherheit machten sich schlagartig in mir breit, die ich mehr oder weniger gekonnt mit Witz und Charme überspielen konnte. Nun standen wir hier in München, mitten im Trubel der Stadt und doch nur wir zwei. Zwei Lebenslinien kreuzen sich zum zweiten Mal. Es fühlt sich so anders an. Fast so als wäre einer von uns beiden einen Marathon gelaufen während der andere eine Runde um den Block spaziert ist.

Der erste Abend verging wie im Flug. Bis in die Nacht hinein, ja, tief in die Nacht hinein zog sich unser erster gemeinsamer Abend in München. Es gab viel zu erzählen und Manuel wollte endlich Klarheit über das, was mein Leben derart brutal auf den Kopf gestellt hat. Ich erzählte die Geschichte des Kindes, das sich in Leipzig ganz und gar zu verlieren drohte. Das Lächeln wich aus seinem Gesicht. Der freudige Glanz in seinen Augen wich einem entsetzen Blick. Nicht lang und ein neuer, ein Glanz anderer Art hielt Einzug in seinen Augen. Keiner der von Freude zeugte. Vielmehr ein Glanz der eine traurige Botschaft in sich trug. Er hinterfragte und hörte zu. Ließ gewähren und rang nach Luft. Wir tranken Wein, rauchten viel zu viel und redeten. Von blindem Vertrauen war die Rede. Von Leipzig und den Geschehnissen in dieser Stadt. An diesem unheilvollen Ort. Er erfuhr von den acht Gesichtern und den qualvollen Stunden in diesem dunklen Hinterzimmer. Er erfuhr von meinem Doppelleben, von den Tagen im Theater und den Nächten, die für mich keinen Schlaf brachten. Jenen Nächten, die mit einem Anruf begannen, die am Hauptbahnhof begannen und die mich das Spiel mit den Masken lehrten und diese Masken erzwangen. Von Limousinen, Drinks und Hotels war die Rede. Von Männern, die sich nahmen was sie wollten. Vom Dreck meines Lebens, wie er dicker nicht hätte sein können.

Der Wein wich dem Ouzo. Der blaue Dunst der Zigaretten hüllte den Raum in dicke, schwere Schleier. Die Atmosphäre im Raum schien sich der Schwere des Themas anzupassen. Für Manuel schlossen sich nun Lücken. Er begann zu verstehen. Ich bot ihm Einblick in mein Innerstes. Öffnete ihm die Tür zu meiner Vergangenheit. Der Zeit, die nach ihm kam. Die Patchworkdecke meines Lebens lag nun direkt vor seinen Füßen ausgebreitet. Ausmaß und Dramaturgie schienen ihn hoffnungslos zu überfordern. Das Zusammenspiel von Filigranität und erschreckend schonungsloser Prägnanz machte ihn unsicher. Die Farben sprangen ihm entgegen und gleichzeitig drohten sie ihn mit sich in die Tiefe zu ziehen. Patchwork, welches mein Seelenleben offenbart. Stiche, Narben, Qual, Schmerz, Leid, Angst, Verzweiflung, Ekel und Gewalt. Alles war gebannt auf dieser imaginären Decke meines Lebens. Fratzen traten ihm entgegen. Die Geschichten meiner Masken waren zu lesen. Fratzenschau. Atlas meiner Odyssee. Nie gewolltes Bilderbuch. Dennoch aufgeschlagen und einen intimen Einblick gewährt. Bis heute frage ich mich ob es ein Fehler war ihm mein Innerstes Preis zu geben.

War es ihm möglich, unter all diesen Farben, Schatten und Konturen, ja inmitten diesen psychodelischen Musters das Kind zu erkennen? Wird sich das komplette Bild, die komplette Geschichte überhaupt je einem Menschen erschließen? Wird jemals irgendwer in der Lage sein das Kind zu erkennen? Wird es sich überhaupt zu erkennen geben? Martin hat es nicht geschafft, obwohl er mein altes Ich kannte. Jenes Ich, welches tief im Bergwerk verschollen ist. Zu viele Bambusleitern die in die Tiefe führen. Zu viele Gänge die Mut, Ausdauer und Kraft abverlangten. Zu viel Ruß der sich in die Seele frisst. Wie stark muss eine Liebe sein um das ertragen zu können? Wie groß ein Herz um all das auf sich zu nehmen?

[…]


Mein Name war Patrice.

Geboren in Leipzig. Eine erzwungene Geburt. Meine Flucht war der Spaten um ein Grab auszuheben. Patrice durfte, konnte unter keinen Umständen weiter existieren. Er sollte verschwinden und nie wieder auftauchen. Ich wollte mein altes Leben zurück. Wollte zu dem zurück was vor Leipzig existierte. Doch das Ausheben eines Grabes macht seine Existenz nicht ungeschehen. Dies war ein Wunsch, dessen Erfüllung ich vergeblich herbeisehnte. Naiv von mir nach etwas zu streben, was surrealer nicht sein konnte. Aber ich sehnte mich so sehr danach. Sehnte mich nach einem Ende. Sehnte mich zurück nach Jena, zurück auf diese Parkbank und ich sehnte mich so sehr nach einem Nein in der Vergangenheit. Ein Nein, dessen Bedeutung nicht größer sein konnte.

Patrice war und ist eine Kunstfigur. Eine Rolle die ich spielte. Aus der Not heraus und zum Schutz des Kindes ins Leben gehievt. Patrice. Eine Rolle. Eine Facette. Sammelsurium so vieler Facetten. Fähre, die mich auf die andere Seite brachte. Ein Fähre von mir geschaffen, ausschließlich von mir. Der Zweck hat sich mir lange Zeit nicht erschlossen. Habe mich wohl geweigert, alles in seiner Gänze verstehen zu wollen. Habe wohl versucht der Wahrheit zu entkommen. Habe gescheut, der Wahrheit ins Auge zu blicken und zu realisieren, welchen Weg ich einschlug. Ein Weg, welcher nüchtern betrachtet Vor- und Nachteile mit sich brachte. Wie alles im Leben. Doch war hier die Gewichtung eine ganz andere. Der anfängliche Schutz, den dieses Rollenspiel und den Patrice bot, war ein klarer Vorteil. Doch es war wohl auch der einzige. Und wenn auch dieses Rollenspiel nach außen hin Schutz bot, so pflanzte es doch einen Zwiespalt in mich hinein. Langsam und kaum wahrzunehmen verlor ich mehr und mehr die Kontrolle und das was Patrice war und was ihn ausmachte wurde mehr und mehr zur Gewohnheit, gar zur Normalität und letzten Endes war es kaum mehr eine Rolle als vielmehr ein Teil von mir. Ein nie gewollter Teil von mir. Die Umstände in Leipzig zwangen mich dazu die mir einzig und allein gebliebene Möglichkeit der Abwehr wahrzunehmen, sie anzunehmen und mich mit einem Zustand zu arrangieren, der alles von mir abverlangte! Alles mir bisher so vertraute einverleibte, zu verschlucken drohte und sich daran machte es ganz und gar auszulöschen. Patrice pflanzte sich in mein Unterbewusstsein. Er war nicht länger Gast, vielmehr nahm er Stück für Stück mehr Platz ein. Trieb dieses Spiel so weit, bis er diesen stillen Kampf zwischen ihm und mir für sich entschied.

Patrice. Ich trug diesen Namen wenn ich mich auf dem Weg zum Leipziger Hauptbahnhof machte. Patrice war es, der zu diesen Männern in die Limousinen stieg. Er war es, der ihnen zu Willen war. Meist ließen sie ihn gehen sobald sie hatten was sie wollten, was sie umtrieb und sie so widerlich machte. Dann fühlte er nur noch Verachtung.

Patrice. Er spielte seine Rollen gut.


Einklinken, ausklinken.

Dies schien mein Spiel zu sein, meine Masche, die Schiene die ich nun fuhr. Nicht zu viel von allem, aber auch nicht zu wenig. Ich wollte das Leben schmecken, es riechen und spüren. Alles wollte ich spüren. Alles und jeden. Jeden Mann. Ein gefährliches Spiel und ein schmaler Grat auf dem ich mich bewegte. Das Kribbeln auf der Haut hielt mich wach und machte süchtig. War dies die Ablösung? Löst nun eine Sucht die andere ab? Sex als Ersatzdroge, ich hatte mich noch zu entscheiden ob dies nun gut oder schlecht war. Fest stand nur, dass Sex keine Fahne hervorruft und bisher keinen Kater nach sich zog. Nacht für Nacht verbrachte ich im Chat, verschlang jedes Wort das mir geschrieben wurde und jedes Bild das ich zu sehen bekam. Es hagelte Verlinkungen, ich zählte die Tapsen, die von den anderen Usern auf meinem Profil hinterlassen wurden und ich zählte die Anzahl ihrer Besuche. Tausende von Männern trieben sich in diesem virtuellen Garten Eden herum. Mein kleines Paradies. War es das wirklich? Nach den emotionslosen, ja fast kalten Jahren meiner letzten Beziehung erfuhr ich nun etwas, was ich von Alexander nicht bekam. Komplimente, virtuelle Blumen für die ich keine Vase brauchte und sie dennoch zu einem bunten Strauß zusammengebunden in einen Raum stellte, der in diesen Zeiten einer grundlegenden Restaurierung bedurfte. Dieser Strauß brachte Farbe in diesen lang verschlossenen Raum, von dessen Wänden die Farbe bröckelte. Brachte Farbe in mein Herz. Nur ist es schwer, der Intention dieser blumigen Geschenke eine andere Note außer der sexuellen zuzugestehen. Was ich nun zählen konnte waren Einladungen. Der Wunsch dieser Männer mich leibhaftig gegenübersitzend, stehend oder eben liegend zu wissen. Wie damit umgehen? Sollte ich den Schritt wagen? Den Schritt raus aus den blauen Seiten und hinein ins wahre, ja ins pralle Leben? Sollte ich denen die Tür öffnen, wenn auch nur ein Stück weit. Nur so weit, dass ich sie problemlos und ohne große Anstrengung wieder schließen konnte? Schließlich nahm ich wieder die Suche nach meiner Tank-leer-Fahrt auf, die mich ans Ziel bringen sollte. War es womöglich an der Zeit, meine Suche und meine Sehnsucht ins Archiv zu verbannen? War ich in diesem Moment nicht drauf und dran meinen Wunsch Balance in mein Leben einziehen zu lassen aufzugeben? War es denn wirklich das was ich wollte?

[…]


Manche Fakten verstehen oder akzeptieren wir erst dann, wenn sie unser Leben so sehr dominieren, dass wir nicht mehr wissen, was vorn und was hinten ist.

In Situationen wie diesen belügen wir uns gern selbst und versuchen das Offensichtliche zu verstecken. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir dem Ignorieren entsagen und der Wahrheit ins Auge blicken müssen. Dies sind Momente des großen „Kassensturzes“. Momente, die einen ehrlichen Blick in den Spiegel verlangen. Solche, die schmerzhaft und erlösend sein können. Alles eine Frage der Perspektive.


„Hast du kein Ritual im Treiben der Fluten des Lebens, so wirst du verloren sein.“


Rasante Fahrt mit Bruderherz.

In den Jahren vor ’89 verbrachten mein Bruder und ich viel Zeit miteinander. Jahre in denen ich nicht nur um seine Existenz wusste. Es waren Jahre in denen ich ihn spüren konnte und in denen unser beider Blut der selben Sprache mächtig war. Wir fuhren mit den Rädern durch den Goethepark, spielten am alten Wehr in der Pappelallee oder er nahm mich mit zu seinem Kumpel Olli. Kindlicher Freund und Bruder im Geiste. Mit ihm stromerten wir durchs grüne Dickicht der Stadt und erlebten Abenteuer fernab der realen Welt. Wenn wir beide bei unserer Großmutter waren gab es für uns kein Halten mehr. Wir waren immer unterwegs. Ständig gab es etwas Neues zu entdecken. Die Abenteuerlust packte uns. Wir verbrachten viele Stunden am Bach und bauten Wehre oder hielten nach Kaulquappen Ausschau. Wir liefen über Felder und durch seichte Täler. Fanden Knochen und suchten nach Tierspuren. War die Zeit für Pilze reif, zog es uns in den nahe gelegenen Wald. Mein großer Bruder hatte ein Gespür für Pilze. Man konnte sich ganz auf seine Nase verlassen. Wo er war gab es Pilze und umgekehrt. Im gleichen Maße, wie er seinem Gespür folgte, folgte ich ihm auf Schritt unt Tritt. Meine kleinen Füße folgten seinen Spuren. Auf ihn konnte ich mich verlassen. Er war mein großer Bruder. Er nahm mich mit, ganz gleich wohin es auch ging. Ich folgte ihm, denn ich wusste mir würde nichts passieren.

Ganz in der Nähe war eine alte Scheune, in der wir ein Hornissennest entdeckten. Hier war die Luft trocken und der Staub tanzte im gebrochenen Licht der Sonne, das zwischen den maroden Holzlatten hindurch schien. Das Summen der für mich Angst einflößenden Insekten war nicht zu überhören. Die Strohballen waren übereinander gestapelt und füllten nahezu die Hälfte der Scheune aus. Die Frage nach der Besteigung dieses kleinen aus gepressten Strohalmen bestehenden Kletterberges stellte sich mir im Gegensatz zu meinem Bruder nicht. Er machte keine Anstalten und stieg dort hinauf. Er war in vielen Dingen um einiges wagemutiger als ich es war. Beispielsweise erinnere ich mich an einen Nachmittag, den ich mit ihm und seinem besten Freund Olli verbrachte. Olli wohnte in der Mittelstraße. Von unserer Wohnung konnte man sein Haus beinahe sehen. Die Ilm war nicht weit von uns entfernt und bildete eine natürliche Grenze zwischen Oberweimar und Ehringsdorf. Dort zog es uns hin. Und was gab es spannenderes für Jungs als ein Wehr? Für uns in diesem Moment reinweg gar nichts. Und für mich gab es nichts, was so sehr Aufregung und Spannung in mir hervorrief wie es in Momenten wie diesem der Fall war. Momente, die nüchtern betrachtet kaum eine Bedeutung besaßen. Doch ich hob sie in ihrer Bedeutung auf einen Thron.

Einen dieser ‚gekrönten‘ Momente erlebte ich an einem sonnigen Augusttag.

Ich saß auf dem Gepäckträger direkt hinter ihm, die Arme fest um ihn geschlungen und wir fuhren die Straße runter. Es ging rasant bergab. Schneller, immer schneller. Der Fahrtwind blies mir die Haare aus dem Gesicht. Meine Finger krallten sich in sein T-Shirt. Der Sommer zauberte kleine funkelnde Sterne auf seine Haut. Es war heiß und der Wind tat gut. Da war keine Angst. In diesem Moment fühlte ich nur mein Vertrauen zu ihm. Er übernahm Verantwortung, für sich und für mich. Er fuhr mit mir diesen Berg hinunter. Nie wieder gab es einen Tag an dem wir uns so nahe waren. An dem ich ihn berühren konnte ohne mich schlecht zu fühlen. An dem ich mich wie sein kleiner Bruder fühlte und nicht wie ein Fremder. Die rasante Fahrt ließ nach und wurde mehr und mehr zu einem bloßen Rollenlassen. Bis sie ganz und gar an Schwung verlor. Bis hin zum Stillstand über Jahre hinweg. Stillstand. Es fühlte sich beinahe so an, als hätte ich keinen Bruder. Und doch war er ein Teil von mir. Über all die stillen Jahre hinweg. Er war Held und gleichzeitig Antiheld. Bruder und Fremder zugleich.

Wir sind eins und doch verschieden. Nach all den Jahren ist die Stille zu einer Facette unserer Beziehung geworden . Ich hoffe, die Distanz zwischen uns ist nur den verschiedenen Lebenswegen geschuldet und entspricht dem Bild des Zenits zweier Halbkreise. Zusammen ergeben sie eins und wenn wir weitergehen schließen wir den Kreis.

Ich bin dir verbunden.

[…]

Prinzen für einen Sommer.

Ein paar Jahre liegt es nun schon zurück, dass ich es fand. Mein kleines Glück. Einen Sommer lang bekam ich eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt von Leichtigkeit getragen zu werden. Es war ein Bilderbuchsommer. Von der Sonne gekitzelt und von Zärtlichkeit verwöhnt. Abenteuer lag in der Luft. Meine ersten Schritte hinaus in die Welt. Ich nabelte mich von meinen Eltern ab. Hatte mir viel Zeit dabei gelassen diesen Schritt zu gehen. Doch dieser Schritt ist im Leben eines jungen Menschen unumgänglich. Unweigerlich kommt, wenn die Zeit dafür reif ist, das Gefühl ausbrechen zu wollen. Man will raus. Will wissen wie der Hase so läuft und über den eigenen Tellerrand schauen. Wenig überraschend schlitterte ich viel zu schnell in eine Romanze. Und genauso unverhofft wie es begann sollte es auch enden. Zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens war ich mit Hannes zusammen.

Ein  Mann  wie  ein  Buch  mit  sieben  Siegeln. Kein Buch das man ein zweites Mal in die Hand nimmt. Einmal drin gelesen und der Geschichte überdrüssig. Eines, das man getrost wieder aus den Händen legen kann. Eines wie viele und doch eines wie keins. Schlechte Literatur. Ohne guten Inhalt. Schlecht geschrieben und schlecht inszeniert. Ein Mann mit miesem Karma. Vielleicht war dies ein Vorgeschmack auf spätere Begegnungen.

Ich war dreiundzwanzig, er war um die dreißig. Beziehung konnte man es nicht nennen was uns miteinander verband. Wir verbrachten einige Zeit zusammen und hatten unseren Spaß. Ich hatte gerade erst damit begonnen mir einen Überblick zu verschaffen. Ich fand jede Begegnung spannend und fing an die Liebe zu erkunden. Oder vielmehr das, was ich zu diesem Zeitpunkt für Liebe hielt. Experimentierte noch. War völlig unvoreingenommen und so ließ ich mich auf dieses Spiel ein. Ließ mich auf Hannes ein. Ziemlich früh erkannte ich, dass das was wir gemeinsam hatten durchaus weniger wog als das, was uns trennte. Unser Verhältnis lehrte mich wenig Gutes. Ich begriff wie er dachte und wie die Welt aussah in der er lebte. Wie schnell man sich auf jemanden einlässt und ihn jederzeit wieder abstoßen kann. Seine Art mit dem was man Liebe nennt umzugehen verletzte mich. Ließ ein Beben meine Welt erschüttern. So gab ich ihn auf und begann ihn zu vergessen. Doch nicht ohne Hilfe. Nie gelang es mir ohne Hilfe und diese fand ich in einer neuen Beziehung. So lief es immer. Das ‚Pausen-Schema‘ hatte ich nie für mich entdeckt. Mich mit dem was hinter mir lag auseinanderzusetzen kam mir nicht in den Sinn. Sah keinen Sinn darin mir Zeit zu nehmen um diese Emotionshäppchen zu verdauen. Anders sah und verstand ich es damals nicht. Zu einer wirklichen Bindung mit Herzblut kam es in dieser Zeit nie. Und dennoch knapperte stets der Verlust an mir. Ich hatte etwas verloren ohne es je wirklich besessen zu haben. Damals wusste ich nicht was mir fehlte, was mich umtrieb und was mich immer weiter rennen ließ. Was mich dazu brachte mir ständig ein neues Outfit zu verpassen. Neue Männer auszuprobieren. Kurz reinschlüpfen und dann ab in den Schrank. Eine Beziehung löste die andere ab. Ein Mann folgte nahezu lückenlos auf den anderen. Traurig aber wahr. Ich konnte und wollte mich nicht auf Trennungen einlassen ohne den Trost einer neuen Liebe, auch wenn es zu oft nur eine Romanze war. Das Ende einer Zweisamkeit zu akzeptieren stellt für mich immer noch eine Hürde dar, die zu überwinden ich nach wie vor nicht in der Lage bin. Aber wie ich schon sagte, nur diese Art des Trosts verhalf mir über derartige Verluste hinweg zu kommen. Auch eine Art der Flucht. Nur die Nähe eines Mannes ließ mich die Lücke vergessen, die eine Trennung mit sich brachte. Ich konnte nicht allein sein. Der Entzug von Nähe und männlicher Zuneigung war für mich unerträglich. Ich wollte, ja, ich musste unter allen Umständen gehalten sein. Vielleicht war ich aber auch nur zu feige mich mit einer Trennung erstens als Single und zweitens darüber hinaus in ihrer Gänze auseinanderzusetzen. Was das anbelangt, so war ich wohl einfach vollkommen unfähig. Unfähig einen Mann sein Leben ohne mich leben zu lassen und die Gewissheit  zu ertragen, dass ein anderer meinen Platz einnimmt. Unfähig zu akzeptieren, dass dieser Mann mich nicht braucht damit es ihm gut geht.  Doch die Unfähigkeit abzuschließen stellt mich heute mehr als zuvor vor enorme Herausforderungen. Wenn man nicht verarbeitet schiebt man auf, verzögert man nur das Unausweichliche. Flucht in die Arme eines anderen Mannes war also der Weg den ich für mich gewählt hatte. Meine Ultima Ratio. Nicht gerade die beste Ratio aber dennoch meine Ratio. Meine Verdrängungs-Ratio. Bis heute. Und dieser Weg führte mich unter anderem zu Manuel. Ein Bayer. Verspielt. Mit wunderbar leuchtenden Augen. Haut so weiß wie Elfenbein. Dunkles Haar. Naive Leichtigkeit ging von ihm aus. Fast  zu  jung  in  seiner  ganzen  Art. Darin lag wohl sein Reiz. Und ich ließ mich darauf ein. Ergab mich seinem Reiz.

So lebensfroh und offen wie er war brachte er mich zum Lachen und ließ mich vergessen. Wir unternahmen viel, trafen uns mit Freunden, gingen auf den Petersberg oder zum Baden an den Baggersee. Wenn ich bei ihm schlief machte er Frühstück für uns beide. Wir saßen an diesem kleinen Tisch am Fenster, hörten Musik und unterhielten uns. Wir lachten und so begann unser Tag. Mit einem Lachen und mit einem guten Gefühl. Nun, einige Jahre später und ohne Frage um einige Erfahrungen reicher, kann man die Zeit mit Manuel mit einer Sandkastenliebe vergleichen. Sandkasten meines Liebeslebens.

Ich erinnere mich an unseren ersten Abend. Er arbeitete neben seinem Studium in einem Internetcafé. Durch Hannes wusste ich wo und so ging ich einfach zu ihm. Er freute sich mich zu sehen. Dass er sich für mich interessierte wusste ich seit unserem ersten gemeinsamen Stammtisch. Unsere Blicke trafen sich. Er lächelte mir zu und versuchte auf sich aufmerksam zu machen. Nun war ich also bei ihm. Die  Aufregung  in  mir  ließ  sich  nicht  verbergen.  Die  Luft  war  wie  elektrifiziert.

Ich setzte mich zu ihm, direkt an seinen Schreibtisch. Er machte seine Arbeit und gab es keine Kunden unterhielten wir uns. Sein Lächeln ließ mich nicht mehr los. Bei der Frage, ob ich später mit zu ihm kommen wolle stockte mir der Atem. Übernachten sei kein Problem, so Manuel.

Es  knisterte  gewaltig. Ich überlegte nicht lang und sagte ihm zu. Wollte ihm nahe sein. Dachte nicht an mehr. Wollte nur mit ihm atmen. Wollte seine Welt atmen. Für mich zählte in diesem Augenblick einzig und allein jemanden bei mir zu haben. Nicht allein zu sein. Gesellschaft. Männliche Gesellschaft.

M a n u e l.

Bald darauf kam auch schon seine Ablösung, Max, ein Freund von Manuel und ebenfalls Student. Auch ihn kannte ich vom Stammtisch, zu dem mich Hannes das erste Mal mitnahm. Max kam also in das Internetcafé um zu arbeiten und das hieß für meinen bayrischen Entenarsch, dass er nun Freizeit hatte. Ich konnte es kaum erwarten mit ihm allein zu sein. Sehnte mich danach in Ruhe mit ihm zu reden, ihn ganz für mich allein zu haben. Mich ganz auf seine Stimme konzentrieren zu können.  Nur  er  und  ich. Wir verabschiedeten uns und setzten uns in Bewegung. Der Weg zu ihm nach Hause führte uns über den Fischmarkt. Weiter in Richtung Johannesstraße. Von ihr ging eine kleine Gasse ab und nach etwa zwanzig Minuten waren wir bei ihm angekommen. Er zeigte mir sein Domizil. Irgendwie passte alles zu ihm. Er hatte eine kleine Wohnung in Parterre. Ziemlich vollgestellt, eng und dunkel. Eigentlich nur ein Raum in dem sich alles abspielte. Ein ziemliches Chaos in dem ich da stand. Er war wohl nicht auf Besuch eingestellt. Ging ja auch alles holterdiepolter. Er zündete eine Kerze an und ließ Musik laufen. Versuchte es irgendwie gemütlich zu machen. Wir unterhielten uns den ganzen Abend. Er war neugierig, wollte wissen wer ich bin. Sein Interesse schmeichelte mir. Unsere Blicke trafen sich. Die Stimmung war gut. Wohltuende Ruhe. Eine Atmosphäre wie ich sie brauchte. Ich fühlte mich wohl bei ihm und er gab mir zu verstehen, dass er froh war diesen Abend nicht allein zu verbringen. Nun hatte ich ihn ganz für mich allein. Er roch gut und seine Haut war ganz weich. Sein Atem streifte meine Haut. Ich sehnte mich nach seiner Berührung. Wollte einfach nur in den Arm genommen werden, in ihnen versinken. Wir ließen alles so geschehen. Zwei kindliche Seelen, die sich nach Wärme sehnten und sich liebten wie sie sind. Eine unschuldige Liebe, ohne Kompromisse. Es gab nur sanfte, zärtliche und fast kindliche Küsse zwischen uns. Es blieb bei dieser unschuldigen Nähe. Keine Forderungen, keine Fragen. Nur wir zwei. Wir waren zwei und wir waren eins. Und wir wussten, dass dieser Sommer uns gehörte. Doch dieser Sommer sollte vergehen und mit ihm verging dieses kleine Kontinuum das uns umgab und uns schützte.

Einen ganzen Sommer lang Nähe. Ein Sommer wie für Prinzen gemacht. Wir waren Prinzen für diesen einen Sommer.

Wir fanden uns Jahre später wieder. Ich in der schlimmsten Phase meines bisherigen Lebens. Er in den letzten Zügen der seinen. So lang hatten wir uns aus den Augen verloren. Jahre trennten uns. Fünf an der Zahl. Wir hatten weder voneinander gehört, noch hatten wir uns zu Gesicht bekommen. Kein Lebenszeichen. Absolute Stille und dennoch kein Vergessen. Dennoch ein zartes Band der Verbundenheit. Ein Band von diesem einen Sommer geboren. Ein Stück weit lebte er in uns fort. Ein Stück weit hielt er uns gefangen. Und ohne Zweifel mich mehr als ihn. Ein Schuh, der mir noch heute gut passt. Ganz gleich wie viele Paare zur Auswahl stehen, letztlich sind es immer die emotionalsten Treter für die ich mich entscheide. Keine bequemen Schuhe und kein leichter Gang mit ihnen. Mit der Zeit werden sie mitunter enger und verursachen Schmerzen. Mal mehr und mal weniger heftige Blessuren bleiben zurück. Als dieser Sommer verging kehrte nicht nur ich Erfurt und den Puffbohnen den Rücken, auch Manuel verließ wenig später die Stadt. Er schmiss sein Studium und nach einem kurzen Zwischenstopp bei seinen Eltern und einer Ausbildung ging es für ihn nach Essen. Kein Ort und kein Desaster wie Leipzig aber dennoch ein wunder Punkt auf der Landkarte seines Lebens. Schwarzer Makel. Vielleicht auch so etwas wie seine persönliche Stunde null. Wer weiß.

Er erlitt ein Burnout und ich war gefangen von meiner Depression. Unser beider Leben war nahezu parallel in schwarz gehüllt. Beides zur gleichen Zeit. Er in Essen und ich in Erfurt. Wenig später kehrte er zurück zu seinen Eltern um kurz darauf nach München zu gehen. Er ließ Essen hinter sich. Wagte einen Neuanfang. Verschiedene Gründe veranlassten ihn dazu diesen Schritt zu tun. Nun ist er dort und ich bin immer noch in Erfurt. Der Stadt, die mir bis heute keine Heimat ist. Der Stadt, die wenig Gutes für mich bereit hielt. Stadt, die Leipzigs Erbe antrat. Eine Stadt, in deren Schoß ich meinen Kopf legte und bittere Tränen vergoss. Schoß, der keinen Trost spenden konnte. Nicht mir. Nicht so. Nicht Erfurt.

Mir ist nicht klar, wie sich sein Leben in München gestaltet. Er schreibt mir viel und doch widerlegt er einiges von dem Gesagten wenige Tage später. Es mutet beinahe so an, als wären seine Ansichten abhängig von seiner Tagesform. So weiß man nie wirklich zu wie viel Prozent seine augenblickliche Meinung auch noch morgen zählt. Unstet und schwankend. Auch das sind wohl Attribute die sich in Manuel vereinen. Attribute, die lange Zeit auch auf mich zutrafen und die ich verflucht habe. So ist es nicht verwunderlich, dass ich auch in seinem Falle damit nicht umgehen kann. Zumal ich mich nach dem exakten Gegenteil sehnte und bis heute meinen Kompass danach auszurichten versuche. Unstet und Rastlos war ich selbst genug. Und in diesem Fall verhält es sich nicht wie in der Mathematik. Hier kann ich nicht damit rechnen, das Minus und Minus ein sattes Plus ergeben. Selbst wenn es das täte, dieses Plus würde nicht passen.

Ist er wie ich eingeholt von einem längst vergangenen Sommer? Fühlt er sich ähnlich überrumpelt vom Aufleben der alten Zeiten. Wirft das alles auch in ihm Fragen auf? Sind es nicht Fragen der Kategorie Hätte, Wäre, Wenn? Machen sie einen Sinn? Welchen Sinn hat es überhaupt nach dem Sinn zu fragen? Die Sinnsuche kann bisweilen ziemlich aussichtslos sein.

Erst eine ungewollte und dann doch eine gewollte Beziehung. Monogamie wird von ihm verteufelt und kurz darauf als gegeben akzeptiert. Er scheint sich selbst nicht ganz sicher zu sein wo sein Weg hinführt. Ist sein Verhalten und sein mir offenbartes Gefühlsleben irrational? Ich denke schon. Aber lebte eine Beziehung nicht davon? Veranlasst uns Liebe nicht dazu irrational zu sein? Es ist nicht rational. Es ist Liebe. Irgendeine Form von Liebe die ihn mit Tim verbindet.

[…]


Die Tage in der Klinik.

Der Therapiealltag begann immer damit, sich in die Liste einzutragen. Name und Ankunft. Danach ging ich an meinen Spind um meinen Rucksack zu verstauen und um ein paar Dinge die ich für den Tag brauchte zurecht zu legen. Zigaretten durften nie fehlen. Ohne sie ging gar nichts. In den Wochen, die ich in dieser Einrichtung verbrachte, rauchte ich so viel wie nie zuvor. Waren gerade keine Therapien für mich fand man mich unter Garantie im Raucherzimmer. Ein kleiner Raum in der hintersten Ecke der Tagesklinik. Muffig. Eng. Vom Nikotin vergilbte Wände. Ein Tisch, vier Stühle. Mit Blick auf die Straßenbahnhaltestelle. Oft saß ich dort, direkt am Fenster und mein Blick wanderte den Weg hinauf zur Straßenbahn.

E i n s t e i g e n,  T ü r e n  s c h l i e s s e n,  a b f a h r e n.

N u r   f o r t   v o n   h i e r. Wenn ich es nicht mehr aushielt ging ich in den Patientengarten. Setzte mich dort auf eine Bank am Teich, im Schatten der Klinik. Sah zu, wie der Wind Wellen auf das Wasser zauberte. Ich fütterte die Enten, sprach mit ihnen und achtete penibel genau darauf, welche von ihnen schon etwas von meinem Brötchen abbekommen hat. Oder ich ließ einfach nur die Stille auf mich wirken und ließ meine Gedanken fliegen. Die Tage waren lang und zum Teil unerträglich. Viele Untersuchungen musste ich über mich ergehen lassen. Ich wurde von den Schwestern von einem Termin zum nächsten geschickt. Sie nahmen mir Blut ab, um Drogenmissbrauch auszu-schließen und um zu kontrollieren, ob ich die Medikamente auch wirklich einnahm. Ich musste zum Röntgen, MRT und zum Ultraschall. Meine Nervenbahnen wurden untersucht und die Ärzte haben Strom durch meinen Körper gejagt. Eine  Lumbalpunktion bildete den Abschluss dieses Marathons. Ein sehr schmerzhafter Eingriff, bei dem Hirnwasser aus der Wirbelsäule gezogen wird. Am Tag des Eingriffs war ich nervös. Ich wusste, was auf mich zukommen würde, doch die Tage danach übertrafen meine Vorstellungen bei weitem. Der Unterdruck in meinem Kopf stieg ins Unermessliche. Jede Bewegung zerriss mir förmlich die Schädeldecke. Erschöpfung dirigierte meinen Tag und die Medikamente taten ihr Übriges. Psychopharmaka und Neuroleptika, Schlaftabletten und Beruhigungsmittel  waren beinahe das Einzige, was ich zu mir nahm. Kein Hunger, kein Appetit, kein Durst. Zwang ich mich dazu Nahrung aufzunehmen, dauerte es nicht lang bis ich mich übergeben musste. Es blieb nichts drin. Ich nahm Kilo um Kilo ab. Bis ich nahezu fünfundzwanzig Prozent meines Gewichts verloren hatte und die Waage nur noch fünfundfünfzig Kilo anzeigte. Die Folge war die Verordnung von Flüssignahrung. Kleine Trinkpäckchen in verschiedenen Geschmacksrichtungen. So war ich zumindest mit dem Nötigsten versorgt.

In demselben Maße, wie ich das Essen verweigerte, entzog ich mich auch den sozialen Kontakten. Verbarrikadierte mich, entschwand immer mehr. Nicht  reden,  nicht  essen, keine Fragen und keine Blicke. Pure Isolation. Selbst gewählte Vereinsamung. Abgeschottet vom Rest der Welt. Meine Welt war eine andere. War verloren in mir selbst. Habe vergessen wer ich bin. Die Tagesklinik glich einem Abstellgleis für Menschen wie mich. Um mich herum sah ich nur kaputte Existenzen. Gebrochene Menschen. Gebrochen vom Leben. Abstellgleis. Fernab von meiner Familie, fernab von Alexander und vom Studium. Fernab von Freunden und vom Leben.

Die Klinik war der einzige Ort, an dem es mir nicht gelang mich zu verstecken. Ich wurde geführt. Auf mich warteten Einzel- und Gruppengespräche, Ergo- und Bewegungstherapien, Lebenspraktisches Training und Sozialtherapie, Gesundmarsch und Außenaktivitäten, jede Menge medizinische Untersuchungen, Medikamentenausgaben, gemeinsames Frühstück und gemeinsames Mittagessen. Jeden Tag aufs Neue Unruhe und Kraftanstrengungen, Auseinandersetzungen mit meiner Vergangenheit und diese Müdigkeit. Alles dominierende Erschöpfung. Tiefe Müdigkeit. Unsagbare Müdigkeit. Lebensmüde. Die so genannte Abschlussrunde läutete das Ende jedes einzelnen Kliniktages ein. Wieder der Gang zum Spind. Ich griff meinen Rucksack und ging aus der Tür. In Gedanken vertieft lief ich zur Straßenbahn, stieg ein und schaute aus dem Fenster. Ich ließ die Straßen an mir vorüberziehen, so wie damals, als ich Kind war. Doch das hier war nicht der Goethepark und ich war kein Kind mehr. Das was ich war bekam ich nicht zu fassen. Ich fand keinen Zugang zu mir.

Die  Blicke  der  anderen  Fahrgäste  treffen  mich.  Mein  Gesicht  spiegelt  sich  im  Glas.  Kein  Ausdruck.  Meine  Augen  lachen  nicht  mehr.  Fahle   Haut.

K r a m p f. Q u a l. K e i n e  S p u r  v o n  E m o t i o n e n.

Ich denke an den dicken Mann im Bus. Sehe das Monster vor mir. Ich rieche Alkohol, rieche Schweiß. Leute steigen zu und Leute steigen aus. Ich will nur noch verschwinden, weiß nur nicht wohin ich gehen soll. Also bleibe ich sitzen. Sitze es aus. Versuche mich zu verstecken, mache mich klein. Meine Hände krallen sich in meinem Rucksack fest. Verkrampfen. Sie sind nass und kalt.

[…]


Spielball der Gezeiten.

Ein knappes halbes Jahr habe ich mein ‚neues‘ Leben mehr oder weniger gut gelebt. Ein knappes halbes Jahr in dem ich dachte es schaffen zu können und die Hoffnung in mir aufkeimte, das Leben mit allem was es bietet und fordert ertragen zu können. Ein paar Monate, in denen ich glaubte meinem Frieden Stück für Stück näher gekommen zu sein. Es waren Monate des Wiederfindens. Eine Zeit, in der es mir möglich war, das Finden größer zu schreiben als das Suchen. Wie wohl es doch tat so tief atmen zu können und wie gut es doch tat einen neuen Mann kennenzulernen. Seine Leichtigkeit zu spüren und sein Wesen zu entdecken. Zu verstehen, wie dankbar ich sein sollte, mit ihm alles um mich herum anders wahrnehmen zu können. Wieder eine Ahnung davon zu bekommen, wie das Leben sein kann. Dankbar dafür, die andere Seite zu spüren. Einen neuen Himmel zu sehen. Und doch sind es nur diese sechs Monate, welche mich in Versuchung führten, das Leben neu zu buchstabieren. Die Zweifel feierten triumphale Rückkehr. Wer glaubt die Innere Welt hätte kein Gewicht der irrt. Innere und äußere Welt stehen in einer Art Symbiose zu einander und wir sind so etwas wie die Diplomaten und sind ständig genötigt zwischen beiden Welten zu vermitteln. Stehen ständig in Verhandlungen zwischen den Tiefen in uns und den Tiefen der offensichtlichen Welt. Und wenn diese Welt zerrüttet ist und dramatische Züge annimmt transferieren wir in unserer Rolle als Diplomaten eben diese Zerrüttung in unser Innerstes. Nun kommt es auf das Wesen jedes Diplomaten an. Verhandlungsgeschick und Sensibilität entscheiden über Bestehen oder Fall beider Welten.

Wie gern wäre ich mir sicher, dass er es ist, mit dem ich fahren kann bis der Tank leer ist. Nur allzu oft habe ich mir die Frage danach gestellt, wie sicher man sich sein kann und wie oft habe ich sie unbeantwortet zur Seite gelegt. Wie oft habe ich diese Frage weit von mir geschoben. Zu sehr tat mir der Gedanke weh, dass es keine Antwort geben würde. Und doch sollte ich Realist genug sein und der Wahrheit ins Auge blicken. Auch wenn es weh tut, es gibt keine Antwort ehe ich tatsächlich am Ziel angekommen bin. Sie zu finden wird mir erst dann gelingen, wenn die Suche nach ihr nicht mehr auf der Seele brennt. Dies zu verstehen hat lange Zeit gedauert und meine Sicht der Dinge stark beeinflusst. Somit wäre mein Suchen ohne Sinn solange das Verlangen des Findens meine Seelenwelt verkrampfen lässt.

Das Brennen wird stärker, soviel ist sicher. Doch eine Erkenntnis hilft nicht viel wenn man keinen Weg findet sie auch im eigenen Verstand einzubetten. Irrational zu handeln scheint die große Überschrift zu sein, die über den letzten Jahren prangt wie der Titel eines schlechten Buches. So kommt es, dass ich auf der Suche nach den Spuren dieser Antwort weiter durchs Leben haste. Erkenntnis hin, Erkenntnis her. Ich steuere immer noch rastlos und mitunter vollkommen konfus durch mein Leben. Kann den Beginn meiner Reise nicht mehr ausmachen und habe nicht den Hauch einer Ahnung davon, was mein Ziel sein wird. Die Metapher vom berühmten Blatt im Wind scheint mir nicht mehr sinnvoll. Bin wohl eher so etwas wie Treibholz auf hoher See. Von der langen Reise und allem was sie mit sich brachte geformt und verwittert. Die Spuren meiner Herkunft und die Spuren meines alten Ichs sind kaum noch auszumachen. Darüber hinaus ist mir nicht klar, wo mich die Gezeiten hintreiben werden. Ich habe keine Ahnung wo ich landen werde. Ich weiß nicht ob ich überhaupt irgendwo landen werde. Wohin werden mich die Wellen des Lebens wohl tragen? Wo findet die Treibholz-Reise ihr Ende? Wird sie denn je ein Ende finden? Es ist an der Zeit an Land gespült zu werden! Nicht zuletzt stelle ich mir selbst die Frage danach, warum ich mich dem Schicksal dermaßen unterwerfe und nicht versuche, dem Treiben etwas entgegenzusetzen. Wie ich zum Spielball der Gezeiten wurde ist nicht die Frage, aber warum schaffe ich es nicht ihrem Sog zu entkommen? Die Antwort ist ziemlich simpel und ihrem Wesen nach auch Zeugnis von der tiefen Traurigkeit die noch immer in mir wohnt. Wer nicht um meine Geschichte weiß könnte auf den Gedanken kommen ich wäre ein Mensch der kein Durchhaltevermögen hat, der nichts gebacken bekommt und darüber hinaus auch noch im Selbstmitleid zerfließt. Und hin und wieder ertappe ich mich tatsächlich darin zerfließend. An solchen Tagen wächst die Wut in meinem Bauch. Wut darüber, dass mir nicht ‚nur‘ meine Vergangenheit das Leben schwer macht, sondern auch Wut darauf, wie ich mit ihr umgehe. Manch einer mag von Resignation oder gar Kapitulation sprechen. Ich selbst hingegen kann mich weder für schwarz noch für weiß entscheiden. Um mit einer Metapher zu sprechen bin ich jetzt wohl zu einem „Grenzkind“ geworden. Schon ein großer Erfolg für mich wenn man bedenkt, dass ich vor nicht allzu langer Zeit ein Leben in absoluter Dunkelheit führte. Fünf Buchstaben, denen meine Existenz nicht gerecht werden konnte. Ich dämmerte vor mich hin. Die Farbe der Trauer hatte meine Seele in ihren Mantel gehüllt. Schwarz. Und nun stecke ich zwischen beiden Welten fest. Der Blick zurück ins Schwarz scheint mir einfacher zu sein, doch alles in mir sträubt sich dagegen auch nur einen Schritt zurück zu tun. Der Blick ins Weiß hingegen verliert sich in dicken Nebelschleiern.

[…]


Die richtigen Worte zu finden,

ist nicht immer leicht. In Zeiten wie diesen fällt es mir besonders schwer sie erstens zu formen und sie zweitens darüber hinaus auch noch zu artikulieren. Oftmals liegen sie einem scheinbar auf der Zunge, doch sie finden einfach keinen Weg hinaus, kommen einem partout nicht über die Lippen. Ich weiß auch nicht ob es die richtigen Worte überhaupt gibt. Sollte ich eines Tages eine Antwort auf diese Frage finden, so wird sich für mich erst herausstellen müssen, ob diese Erkenntnis auch für mich gelten wird. Wird der Tag kommen, an dem ich mich jemandem anvertrauen kann? Werde ich mich irgendwann von allem befreien können? Quälende Fragen seit Monaten, seit Jahren. In meinem Kopf tut sich so viel. Meine Gedanken fahren auf und ab, vermischen sich und sind selten so klar, dass ich in der Lage bin, sie zu sortieren und sie festzuhalten. Mein Kopf ist an so vielen Orten. Im Rahmen einer Therapie kommen meist ja nur die Dinge zur Sprache, die einen belasten und einem das Leben schwer machen. Oder diejenigen, die einen verfolgen und nicht mehr loslassen. Seit knapp einem Jahr bin ich nun in Therapie und versuche den Zugang zu mir selbst wiederzufinden. Ich sehe mich der schwersten Prüfung meines bisherigen Lebens ausgesetzt. Zu meiner täglichen Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner Vergangenheit kommen die wöchentlichen Gespräche mit meinem Therapeuten. Diesen Termin legen wir, mein Therapeut und ich, bis auf wenige Ausnahmen seit jeher auf einen Freitag. Mein schwarzer Freitag. Dieser Tag steht ganz im Zeichen meiner Vergangenheit. In meinen Gedanken schon ganz in der kommenden Sitzung stehe ich auf und mit den Erlebnissen und Eindrücken des Tages schlafe ich spät nachts vor Erschöpfung wieder ein. Der schwarze Freitag verkürzt meine Woche. Sie hat nur sechs Tage Leben. Ich habe mich dafür entschieden einen Versuch zu starten, alles auf Papier zu bannen was mich zudem Menschen gemacht hat, der ich jetzt bin. Das ist meine Therapie, in der Hoffnung, endlich aufzuräumen. Das Erinnern selbst wird mir nicht schwer fallen, da die meisten Begebenheiten eh stets und ständig präsent sind. Darüber hinaus bin ich mir jedoch bewusst, dass die Auseinandersetzung mit ihnen viel Kraft kosten und auch weitere Fragen aufwerfen wird. So oder so ähnlich sollte sich eine Therapie abspielen, nur mit der Beschränkung darauf, dass ich keinen Gesprächspartner habe, sondern einen Monolog mit mir selbst führen werde. Wenn man so will, zeigt mir hier die Vergangenheit meine Wunden auf. Sie hält mir einen Spiegel vor um mir zu zeigen wer ich war und wer ich geworden bin. Eine bedrückende und zugleich heilsame Erfahrung. Erst war da nur ein Tagebuch, dem ich mich anvertraute. Doch schon bald wurde es zu einem Zeugnis der letzten Jahre. Ein Zeugnis meiner kleinen und großen Katastrophen. Zeugnis eines beinahe Untergangs. Ein Zeugnis, von dem ich mir Heilung versprach und immer noch verspreche. Mein Tagebuch wuchs und wuchs. Verpuppte sich. Schlüpfte und war zu einem Buch gewachsen. Ein auf Papier gebannter Monolog. Eine Reportage und ein Reisebericht zugleich. Das Ziel steht außer Frage. Der Kokon der mich umgibt muss aufgebrochen werden. Was tief in meinem Herzen begraben liegt und mir Nacht für Nacht Albträume beschert muss endlich ausgesprochen werden. Es wird immer gesagt man müsse in einen Wald oder auf einen Berg gehen, dahin wo man ganz mit sich allein ist, um alle Last und allen Kummer von der Seele zu schreien. Dieses Buch ist nun meine Metapher für meinen Kummerberg. Das Schreiben ist meine Art zu schreien. In diesem Moment bin ich allein. Doch ich will nicht dass meine Schreie ins Leere gehen. Diese Anstrengung darf nicht vergebens sein. Ich will das Schweigen brechen um das Kind zu befreien und um die Last von meinem Herzen zu nehmen. Dennoch bin ich darüber im Klaren, dass das Lüften meines Geheimnisses die Scham nicht besiegen wird. Dennoch bin ich bereit Licht ins Dunkel zu bringen, um meiner Familie Gewissheit darüber zu verschaffen, was mich zu Fall gebracht hat. Unter Umständen trägt mein Kummerberg insgeheim einen zweiten Namen. Wunschberg. Denn ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass das Kind eines Tages wieder zu lächeln beginnt und darüber hinaus zwischen mir und meiner Familie Klarheit herrscht. Dass sie um meine Narben wissen und ihnen nicht länger nur der Versuch bleibt meine Gedanken zu lesen. Vielmehr sind es nun Worte, die endlich bereit sind außen zu dringen um ihr Gehör zu finden. Auf das sich ein Dialog ergibt. Zwischen dieser Welt und mir. Ich hoffe darauf, dass dieser Dialog heilsam sein wird und dass er Frieden bringt. Das er mir und schlussendlich auch meiner Familie Frieden bringt. Es ist an der Zeit mein Marschgepäck abzulegen und meine Geschichte ans Licht zu bringen. Auf das der Wind die Schrecken meiner Vergangenheit mit sich fort trägt und die Saat des Bösen vom Boden meines Lebens fegt. Ich hoffe inständig, dass dieser Weg heilsam sein wird. Hoffe endlich Ruhe zu finden. Hoffe ihr zu entkommen. Es gibt für mich nur zwei Möglichkeiten mit meiner Vergangenheit umzugehen. Zum einen kann ich darauf setzen, sie irgendwann akzeptieren zu können, sie als gegeben hinzunehmen. Der andere Weg ist ihr etwas Besseres hinzuzufügen und ihr so zu entkommen. Ich bin gezwungen meine Geschichte fortzuschreiben. Kann nichts von alldem rückgängig machen. Darf es zudem auch nicht verleugnen. Was hinter mir liegt ist zu einem Teil von mir geworden. Neues wird hinzukommen und das Alte zum Guten wenden. Diese scheint die bessere der zwei Optionen zu sein die zur Wahl stehen.

[…]

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