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Masken.

Was für eine gute Arbeit leisteten doch diese Masken. Wenn auch tatsächlich nur für die Zeit ihres Einsatzes. Sie blendeten Gefühle aus. Schüchternheit wurde ins Aus verwiesen. Angst wurde mit extrovertiertem Gebaren gekonnt überspielt. Von Buchung zu Buchung hielt immer wieder aufs Neue Professionalität Einzug und unterstützte die Manifestation einer fremden Person. Einer Person, die derart wandelbar war, dass man ohne weiteres von einer Art Schizophrenie sprechen konnte. Es gibt Momente im Leben eines jeden Menschen, in denen er sich wünscht, ein anderes leben zu können. Sich wünscht, jemand anderes zu sein. Wunsch nach einer anderen Rolle auf der Bühne des Lebens. Und es gibt Momente, in denen man gezwungen ist einen Weg zu gehen, der alles andere als normal ist und ohne Frage auch gefährlich sein kann. Hier geht es nicht um den Wunsch nach einem anderen Leben, hier geht es schlichtweg um den Wunsch zu überleben. Dem Willen zu leben. Schizophrenie als Schutz. Doch ohne diesen Schutz wäre mir das Überleben nicht möglich gewesen. Ins Verderben wurde ich bereits getrieben, bin hinein gerannt und nun fand ich nicht mehr heraus. Doch sollte ich mich von einer erzwungenen Existenz, wie sie mir in Leipzig auferlegt wurde, brechen lassen? Nein! Selbst wenn der Faden bereits extrem dünn war, welcher mich mit dem Leben verband und daran festhalten ließ, so war er immerhin noch da. So gab mir dieser einen Hauch von Überlebenswillen, welcher mir diese ungeheure Kraft gab die wohl härteste Zeit und Prüfung meines Lebens zu überstehen. Und meine Strategie, ja, der Weg den ich wählte und den ich einschlug, war gewiss ebenso hart wie der Fakt ‚Leipzig‘ an sich. Trotz allen Übels waren es eben diese Masken, die mein Überleben sicherten. Das Überleben meines Körpers. Jedoch nicht meiner Seele. Mein Seelenheil konnten mir selbst diese Masken nicht garantieren. So perfekt sie mit der Zeit auch wurden, sie vermochten mir keinen absoluten Schutz gewähren. Doch gibt es den überhaupt? Den absoluten Schutz? Nur ein Nein ist als Antwort auf diese Frage zulässig.

Nichts und niemand hätte mir zu dieser Zeit Schutz bieten können. Dies war mein ganz persönlicher Untergang. Schleichend und versteckt. Wem hätte ich mich auch mitteilen sollen? Wer hätte verstanden wie kaputt meine Welt war? Wer hätte es je verstehen können, wer hätte es ertragen? Das was sich meine Welt nannte war etwas ganz anderes. Seelentod auf Raten. Verkauftes Kind. Verlorenes Kind.

Ich trieb mein Maskenspiel zu einer derartigen Perfektion, dass sich innerhalb kürzester Zeit ein Stammkundenring aufbaute. Nie gewollt und nicht geplant. Doch so war es Ricardo unmöglich, mich noch mehr Freiern anzupreisen. Patrice war ausgelastet und wurde zum Zugpferd der ‚Agentur‘. Das Geld floss. Die Gage für mein ‚Rollenspiel‘ spülte Abend für Abend und Nacht für Nacht gewisse Summen in die Kasse. Dieser Umstand stimmte Ricardo zufrieden. So hatte ich zumindest seine Gewalt weniger zu fürchten. Ganz gleich ob es nun die körperliche oder aber die seelische war. Ich hatte also gehorsam zu sein und die erwartete Leistung zu erbringen. Ich war bereit alles zu tun, um die Katastrophe nicht noch größer werden zu lassen. So kam es, dass ich ungewollt ein Pensum setzte, welches Ricardo gefiel und das wohl seiner Grausamkeit einen inspirativen Impuls gab. Indem ich funktionierte wie eine Maschine versuchte ich Druck von mir zu nehmen, mit dem Resultat, dass ich diesen letzten Endes an die Jungs weitergab. Einmal kam mir gar der Gedanke, ich würde sie opfern um mich zu retten. Er begann von den anderen Jungs mehr zu fordern. Mehr Druck war die Folge meiner ‚Vorgabe‘. Ich begann mir Vorwürfe zu machen. Fühlte mich schuldig und für die Jungs mehr und mehr verantwortlich. So kam es, dass ich mir eine weitere Rolle auferlegte. Böse Zungen würden die Bezeichnung ‚Puffmutter‘ wählen. Ich hingegen empfand mich als eine Art Vertrauensperson für die Jungs. Kein bloßer Kummerkasten. Ich hörte ihnen nicht nur zu. Vielmehr war ich bestrebt ihnen in irgendeiner Weise Halt zu geben, Mut zu machen und einfach nur für sie da zu sein. Irgendetwas musste diesen Dreck doch entgegenzustellen sein. Ich versuchte mein Bestes. Und vergaß mich selbst mehr und mehr. Was ich früher war und wer ich früher war geriet mehr und mehr ins Abseits. Mehr und mehr in Vergessenheit. War mein Spiel mit den Masken einfach zu gewagt? Drohten diese Masken und die Rollen, die mit ihnen verknüpft waren, mein wahres Ich ins Abseits zu schieben? Drohte ich den Bezug zu mir selbst zu verlieren? Zu mir? Zum Kind? Es war ganz gleich welche Maske ich wählte oder welche Maske mich wählte, letztlich stülpte sie mir eine neue Haut über. Eine neue Persönlichkeit wurde in mir wachgerüttelt. Doch je mehr dieses teuflische Spiel zu einer Art Gewohnheit wurde, desto mehr lief ich Gefahr die Kontrolle zu verlieren. Und umso schwieriger wurde es für mich, meine wahre Identität wachzurufen oder schlussendlich überhaupt wiederzufinden. Das alles kam einem Spiel mit dem Teufel gleich. Ich ließ mich auf eine Form von Russisch Roulette ein, die einer Demontage meines Innersten gleichkam. Was anfänglich zu meinem Schutz diente wurde nun zu einer Bedrohung, gar zu einer Gefahr. Mein Ziel war es das Kind zu schützen. Mich zu schützen. Den Kern meiner selbst vor Zerstörung zu bewahren. Ein anderer Weg bot sich mir nicht oder ich sah ihn ganz einfach nicht. Leipzig war unbestritten mit Gewalt verbunden. Die Facetten waren derart üppig und die Folgen so katastrophal. Doch letzten Endes war ich es, der das was er schützen wollte ungewollt selbst in Gefahr brachte. Eine andere Form der Gewalt. Jene Form von Gewalt, die sich gegen einen selbst richtet. Um das Wertvollste zu schützen gebar ich Masken. Erzwungen wie alles andere. Geschöpfe der Angst und der Verzweiflung. Doch wie in Gottes Namen sollte ich diese Ketten sprengen? Wie den Weg zu mir selbst zurückfinden? Gab es überhaupt einen Weg zurück? Oder wird es diesen Weg je geben? Wäre das, was eben dieses Zurück offenbaren würde überhaupt zu ertragen? Ein Leben ohne Masken. Darauf verzichten? Auf jede einzelne von ihnen? Wie sollte das überhaupt funktionieren? Ich habe wohl überhaupt keine Vorstellung mehr vom ‚realen‘ Leben. Einem Leben ohne Masken. Leben im Ich und als Ich selbst. Wie auch?

Ich werde mich wohl zwischen zwei Kämpfen entscheiden müssen. Kampf um ein Arrangement zwischen mir und Patrice oder dem Kampf um Offenlegung und dem Vertrauen zur Macht der Liebe. Nicht zuletzt der Liebe zu mir selbst.

Wenn ich ehrlich bin war ich drauf und dran mich selbst und auch das Kind zu einer Maske werden zu lassen. Viel hätte wohl nicht mehr gefehlt. Doch was wäre ich dann gewesen? Wer wäre ich dann gewesen? Was wäre zurückgeblieben, hätte ich mich keiner Maske mehr bedient? Leere, nichts oder einfach nur Dunkelheit? Hätte ich meine Identität verspielt, auch wenn sie nur ‚aufgesetzt‘ war?

[…]


Abendliche Diskussionen mit Wein.

Seelenstriptease.

Der erste Abend in München.

Er kam aus Richtung Bahnhofshalle auf mich zugelaufen. Dort wo ich stand, vor dem Intercityhotel wo es etwas ruhiger war. Der Puls der Stadt drohte mich umzuwerfen. Er war sportlich gekleidet, doch Kleidung allein macht noch keinen sportlichen Typen aus ihm. Der erste Augenkontakt, ein Lächeln von ihm und eine flüchtige Umarmung. Aufregung und Unsicherheit machten sich schlagartig in mir breit, die ich mehr oder weniger gekonnt mit Witz und Charme überspielen konnte. Nun standen wir hier in München, mitten im Trubel der Stadt und doch nur wir zwei. Zwei Lebenslinien kreuzen sich zum zweiten Mal. Es fühlt sich so anders an. Fast so als wäre einer von uns beiden einen Marathon gelaufen während der andere eine Runde um den Block spaziert ist.

Der erste Abend verging wie im Flug. Bis in die Nacht hinein, ja, tief in die Nacht hinein zog sich unser erster gemeinsamer Abend in München. Es gab viel zu erzählen und Manuel wollte endlich Klarheit über das, was mein Leben derart brutal auf den Kopf gestellt hat. Ich erzählte die Geschichte des Kindes, das sich in Leipzig ganz und gar zu verlieren drohte. Das Lächeln wich aus seinem Gesicht. Der freudige Glanz in seinen Augen wich einem entsetzen Blick. Nicht lang und ein neuer, ein Glanz anderer Art hielt Einzug in seinen Augen. Keiner der von Freude zeugte. Vielmehr ein Glanz der eine traurige Botschaft in sich trug. Er hinterfragte und hörte zu. Ließ gewähren und rang nach Luft. Wir tranken Wein, rauchten viel zu viel und redeten. Von blindem Vertrauen war die Rede. Von Leipzig und den Geschehnissen in dieser Stadt. An diesem unheilvollen Ort. Er erfuhr von den acht Gesichtern und den qualvollen Stunden in diesem dunklen Hinterzimmer. Er erfuhr von meinem Doppelleben, von den Tagen im Theater und den Nächten, die für mich keinen Schlaf brachten. Jenen Nächten, die mit einem Anruf begannen, die am Hauptbahnhof begannen und die mich das Spiel mit den Masken lehrten und diese Masken erzwangen. Von Limousinen, Drinks und Hotels war die Rede. Von Männern, die sich nahmen was sie wollten. Vom Dreck meines Lebens, wie er dicker nicht hätte sein können.

Der Wein wich dem Ouzo. Der blaue Dunst der Zigaretten hüllte den Raum in dicke, schwere Schleier. Die Atmosphäre im Raum schien sich der Schwere des Themas anzupassen. Für Manuel schlossen sich nun Lücken. Er begann zu verstehen. Ich bot ihm Einblick in mein Innerstes. Öffnete ihm die Tür zu meiner Vergangenheit. Der Zeit, die nach ihm kam. Die Patchworkdecke meines Lebens lag nun direkt vor seinen Füßen ausgebreitet. Ausmaß und Dramaturgie schienen ihn hoffnungslos zu überfordern. Das Zusammenspiel von Filigranität und erschreckend schonungsloser Prägnanz machte ihn unsicher. Die Farben sprangen ihm entgegen und gleichzeitig drohten sie ihn mit sich in die Tiefe zu ziehen. Patchwork, welches mein Seelenleben offenbart. Stiche, Narben, Qual, Schmerz, Leid, Angst, Verzweiflung, Ekel und Gewalt. Alles war gebannt auf dieser imaginären Decke meines Lebens. Fratzen traten ihm entgegen. Die Geschichten meiner Masken waren zu lesen. Fratzenschau. Atlas meiner Odyssee. Nie gewolltes Bilderbuch. Dennoch aufgeschlagen und einen intimen Einblick gewährt. Bis heute frage ich mich ob es ein Fehler war ihm mein Innerstes Preis zu geben.

War es ihm möglich, unter all diesen Farben, Schatten und Konturen, ja inmitten diesen psychodelischen Musters das Kind zu erkennen? Wird sich das komplette Bild, die komplette Geschichte überhaupt je einem Menschen erschließen? Wird jemals irgendwer in der Lage sein das Kind zu erkennen? Wird es sich überhaupt zu erkennen geben? Martin hat es nicht geschafft, obwohl er mein altes Ich kannte. Jenes Ich, welches tief im Bergwerk verschollen ist. Zu viele Bambusleitern die in die Tiefe führen. Zu viele Gänge die Mut, Ausdauer und Kraft abverlangten. Zu viel Ruß der sich in die Seele frisst. Wie stark muss eine Liebe sein um das ertragen zu können? Wie groß ein Herz um all das auf sich zu nehmen?

[…]

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