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Abendliche Diskussionen mit Wein.

Seelenstriptease.

Der erste Abend in München.

Er kam aus Richtung Bahnhofshalle auf mich zugelaufen. Dort wo ich stand, vor dem Intercityhotel wo es etwas ruhiger war. Der Puls der Stadt drohte mich umzuwerfen. Er war sportlich gekleidet, doch Kleidung allein macht noch keinen sportlichen Typen aus ihm. Der erste Augenkontakt, ein Lächeln von ihm und eine flüchtige Umarmung. Aufregung und Unsicherheit machten sich schlagartig in mir breit, die ich mehr oder weniger gekonnt mit Witz und Charme überspielen konnte. Nun standen wir hier in München, mitten im Trubel der Stadt und doch nur wir zwei. Zwei Lebenslinien kreuzen sich zum zweiten Mal. Es fühlt sich so anders an. Fast so als wäre einer von uns beiden einen Marathon gelaufen während der andere eine Runde um den Block spaziert ist.

Der erste Abend verging wie im Flug. Bis in die Nacht hinein, ja, tief in die Nacht hinein zog sich unser erster gemeinsamer Abend in München. Es gab viel zu erzählen und Manuel wollte endlich Klarheit über das, was mein Leben derart brutal auf den Kopf gestellt hat. Ich erzählte die Geschichte des Kindes, das sich in Leipzig ganz und gar zu verlieren drohte. Das Lächeln wich aus seinem Gesicht. Der freudige Glanz in seinen Augen wich einem entsetzen Blick. Nicht lang und ein neuer, ein Glanz anderer Art hielt Einzug in seinen Augen. Keiner der von Freude zeugte. Vielmehr ein Glanz der eine traurige Botschaft in sich trug. Er hinterfragte und hörte zu. Ließ gewähren und rang nach Luft. Wir tranken Wein, rauchten viel zu viel und redeten. Von blindem Vertrauen war die Rede. Von Leipzig und den Geschehnissen in dieser Stadt. An diesem unheilvollen Ort. Er erfuhr von den acht Gesichtern und den qualvollen Stunden in diesem dunklen Hinterzimmer. Er erfuhr von meinem Doppelleben, von den Tagen im Theater und den Nächten, die für mich keinen Schlaf brachten. Jenen Nächten, die mit einem Anruf begannen, die am Hauptbahnhof begannen und die mich das Spiel mit den Masken lehrten und diese Masken erzwangen. Von Limousinen, Drinks und Hotels war die Rede. Von Männern, die sich nahmen was sie wollten. Vom Dreck meines Lebens, wie er dicker nicht hätte sein können.

Der Wein wich dem Ouzo. Der blaue Dunst der Zigaretten hüllte den Raum in dicke, schwere Schleier. Die Atmosphäre im Raum schien sich der Schwere des Themas anzupassen. Für Manuel schlossen sich nun Lücken. Er begann zu verstehen. Ich bot ihm Einblick in mein Innerstes. Öffnete ihm die Tür zu meiner Vergangenheit. Der Zeit, die nach ihm kam. Die Patchworkdecke meines Lebens lag nun direkt vor seinen Füßen ausgebreitet. Ausmaß und Dramaturgie schienen ihn hoffnungslos zu überfordern. Das Zusammenspiel von Filigranität und erschreckend schonungsloser Prägnanz machte ihn unsicher. Die Farben sprangen ihm entgegen und gleichzeitig drohten sie ihn mit sich in die Tiefe zu ziehen. Patchwork, welches mein Seelenleben offenbart. Stiche, Narben, Qual, Schmerz, Leid, Angst, Verzweiflung, Ekel und Gewalt. Alles war gebannt auf dieser imaginären Decke meines Lebens. Fratzen traten ihm entgegen. Die Geschichten meiner Masken waren zu lesen. Fratzenschau. Atlas meiner Odyssee. Nie gewolltes Bilderbuch. Dennoch aufgeschlagen und einen intimen Einblick gewährt. Bis heute frage ich mich ob es ein Fehler war ihm mein Innerstes Preis zu geben.

War es ihm möglich, unter all diesen Farben, Schatten und Konturen, ja inmitten diesen psychodelischen Musters das Kind zu erkennen? Wird sich das komplette Bild, die komplette Geschichte überhaupt je einem Menschen erschließen? Wird jemals irgendwer in der Lage sein das Kind zu erkennen? Wird es sich überhaupt zu erkennen geben? Martin hat es nicht geschafft, obwohl er mein altes Ich kannte. Jenes Ich, welches tief im Bergwerk verschollen ist. Zu viele Bambusleitern die in die Tiefe führen. Zu viele Gänge die Mut, Ausdauer und Kraft abverlangten. Zu viel Ruß der sich in die Seele frisst. Wie stark muss eine Liebe sein um das ertragen zu können? Wie groß ein Herz um all das auf sich zu nehmen?

[…]


„Zwei kindliche Seelen, die sich nach Wärme sehnten und sich liebten wie sie sind.“

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